Behandlung  des  Lehrstoffes.  417

des  neuen  Lehrstoffs  mit  Dagewesenem,  unter  tunlichst  eindringlichem  Nachweis
  ursächlicher  Zusammenhänge  Herder  sagt  einmal:  “Würde  man  nicht
einen  Menschen  für  sinnlos  halten,  der,  um,La$ein  und  Griechisch  zu  lernen,
nichts  als  das  Lexikon  studierte?  Und  gerade  das  ist  Geographie  und  Geschichte,
  wenn  sie  bloß  als  Namenverzeichnisse  von  Flüssen,  Ländern,
Städten,  Königen,  Schlachten  und  Friedensschlüssen  gelten.  Alles  dies  sind
notwendige  Materialien;  aber  das  Gebäude  muß  davon  erbaut  werden’.  Die
Beurteilung  der  Schüler  nach  Leistungen  und  Fleiß  ist  leichter,  wenn  der  Unterricht
  sein  Schwergewicht  auf  das  Aufgeben  und  Abfragen  von  Gedächtnisstoff
legt;  doch  Lehrer  sein  heißt  lehren,  nicht  Zeugnisse  schreiben.  Deshalb  stehe
dem  Lehrer  der  Erdkunde  in  vorderster  Reihe  der  Anspruch  an  sich  selbst,
durch  geeignete  Verwertung  des  gesprochenen  Wortes,  sei  es  als  Schilderung,
Erzählung  oder  Beweisführung,  und  der  Anschauungsmittel,  also  vor  allem  der
Hand-  und  Wandkarten,  dann  der  Globen,  Reliefs  und  Bilder,  schließlich  der
Schulsammlungen,  der  Experimente  oder  der  Wanderungen  ins  Freie,  den
Schülern  den  erdkundlichen  Lehrstoff  verständlich  zu  machen.  Erst  zu  zweit
handelt  es  sich  um  den  Anspruch  an  die  Schüler,  um  Feststellungen  über  ihre
Kenntnisse,  und  dabei  gilt  es  zu  bedenken,  daß  es  sehr  wünschenswert  ist,  die
Schüler  durch  manche  Gedankengänge  hindurchzuführen,  ohne  daß  man  den
Anspruch  erheben  darf,  sie  müßten  aus  sich  selbst  diese  Entwicklungen  wiederholen
  können.  Hier  unterscheiden  sich  untere  und  obere  Klassen  von  Grund
aus.  In  jenen  kommt  es  bei  der  Wiederholung  in  der  Tat  vornehmlich  auf
eine  Nachprüfung  des  reinen  Gedächtnisstoffes  an,  doch  nicht  unter  äußerlichem
Herschnurren,  sondern  unter  ständigem  Zeigen  an  der  Karte,  gelegentlich  in
mittleren  Klassen  mit  Entwerfen  kleiner  Skizzen  aus  freier  Hand  auf  Blättern
als  Extemporale  oder  an  der  Wundtafel.  In  oberen  Mittelklassen  sollte  man
zur  Prüfung  der  Kenntnisse  des  öfteren  schriftliche  Darstellungen  von  abgegrenzten
  Gebieten  herstellen  lassen,  um  der  Schüler  Fähigkeit,  zu  begreifen,
beurteilen  zu  können.  Guter  Erdkundeunterricht  bringt  viel  Korrekturlast,
  vornehmlich  bei  der  sorgsam  zu  handhabenden  Durchsicht  der  Skizzenbücher.


Die  Hauptschwierigkeit  bei  der  Besprechung  jedes  Landes,  jeder  Landschaft
bildet  ein  Zwiespalt  zwischen  der  Natur  des  Stoffes  und  der  Möglichkeit  seiner
Behandlung.  Jeder  Fleck  Erde,  mag  man  seine  Ausdehnung  eng  beschränken
oder  sich  weithin  erstreckend  denken,  stellt  ein  Gesamtbild,  eine  Einheit  dar,
zunächst  räumlich;  doch  liegen  in  der  räumlichen  Nachbarschaft  der  Dinge  tausend
grobe  und  feine  Wechselbeziehungen  der  Züge,  deren  Widerspiel  eben  Wesen  und
Formen  des  Gebietes  bestimmt.  In  der  erklärenden  Besprechung  muß  dies
Gesamtbild,  diese  Einheit  zergliedert  werden,  muß  das  räumliche  Nebeneinander
mit  seiner  Fülle  innerlicher  Beziehungen  in  ein  zeitliches  Nacheinander  umgewandelt
  werden,  und  in  der  Schule  erstreckt  sich  dies  Nacheinander  bei  der
Durebnahme  größerer  Einheiten,  etwa  eines  ganzen  Erdteiles,  oft  auf  mehr  als
ein  Vierteljahr.  Folgt  man  dem  Verlangen  des  menschlichen  (Geistes  nach
ssuberer  Anordnung  und  systematischer  Gruppierung,  so  ist  der  länderkundliche

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  27