Erdkundliche  Darstellungen  des  Lehrers.  421

Wie  in  naturwissenschaftlichen  Stunden  arbeitet  der  Lehrer  auch  in  erdkundlichen
  mit  vielen  Anschauungsmitteln,  besonders  mit  Karten.  Ein  auf  sie
allein  sich  stützender  Geographieunterricht  vermag  jedoch  nicht  restlos  die  Beziehungen
  der  Dinge  auf  der  Erdoberfläche  zueinander  auszudeuten.  Sie  bleiben
mechanische  Hilfsmittel.  So  kann  die  Karte  mit  dem  Nebeneinander  bei  der
Darstellung  ungleichwertiger  Tatsachen  nicht  das  Nacheinander  entwickelnder
Gedankenreihen  ersetzen,  die  in  den  Kern  des  Lehrstoffes  einführen.  Wie  die
Skizze  Strich  um  Strich  das  Kartenbild  den  Schülern  vor  den  Augen  entstehen
läßt,  so  das  gesprochene  Wort  das  anschauliche  Bild  eines  Landes  selbst,  freilich
unterstützt  durch  Anschauungsmittel.  Wie  im  Geschichtsunterricht  ist  also
im  erdkundlichen  ein  guter  Vortrag  notwendig,  der  Wissenschaft  und  Kunst
zugleich  ist.  Die  Eigenart  der  Naturschilderung  ist  noch  wenig  untersucht.  !)
Sie  kann  Eindrücke  wiedergeben,  die  der  Vortragende  selbst  beim  Anblick
einer  Landschaft  empfunden  hat,  also  subjektiv-Iyrisch  sein,  oder  objektivepisch.
  Ein  Wechsel  beider  Schilderungsweisen  ist  anregend,  setzt  aber  voraus,
  daB  der  Lehrer  selbst  viel  gesehen  und  sich  im  freien  Vortrag  darüber
geübt  hat.  ‘  Der  Fachmann  tritt  leicht  mit  einem  ihm  selbst  unbewußten
Reichtum  von  Begriffen,  die  er  bei  seinen  Schilderungen  benutzt,  vor  die
Schüler,  statt  an  den  engen  Kreis  ihrer  Kenntnisse  und  Erfahrungen  anzuknüpfen,
  der  erst  zu  berichtigen,  zu  ordnen,  zu  ergänzen  ist,  und  schreibt  die
Mißerfolge  seiner  glänzenden  Schilderungen  dann  der  Teilnahmlosigkeit  der
Schüler  zu.  Allerdings  fehlt  Kindern  mittleren  Alters  noch  das  Verlangen  nach
der  Natur,  Empfänglichkeit  für  Naturschönheit,  und  selbst  Erwachsene  stehen
den  eindrucksvollsten  Landschaften  meist  mit  unklarer  Schwärmerei  statt  mit
bewußtem  Verständnis  für  die  Eigenart  der  Formen  und  Farben  gegenüber.
Vornehmlich  auf  dreierlei  hat  der  Rücksicht  zu  nehmen,  der  unter  solchen  Umständen
  durch  das  Wort  einen  sinnfälligen  Eindruck  von  einer  zu  schildernden
Landschaft  erzeugen  will.  Er  muß  vor  allem  selbst  das  Wesentliche  vom  Unwesentlichen
  scheiden  und  unter  Beiseitlassen  der  Nebensschen  die  Hauptzüge
zu  eindringlicher  Geltung  bringen.  Sodann  vermag  vieles  die  Kunst  des  Vergleichs
  mit  Bekanntem,  sei  es  ähnlich  oder  gerade  entgegengesetzt  wie  das  zu
schildernde  Unbekannte.  Deshalb  ist  schon  in  Sexta  Sorge  zu  tragen,  daB  bei
der  Heimatkunde  an  wenigen  aber  anschaulich  gewordenen  Größen  feste  Vorstellungen
  für  Längen-  und  Höhenmaße,  für  Flächenräume,  Menge  und  Dichtigkeit
des  Volks  aufgenommen  werden.  Maßvorstellungen  sind  meist  noch  bei  Erwachsenen
  ganz  unsicher,  und  für  Schüler  bilden  Angaben  über  Berghöhen,
Ländergrößen,  Einwohnermengen  reinen  Gedächtnisballast  ohne  Anschauungswert,
  falls  nicht  stets  Vergleiche  mit  heimischen,  bekannt  gewordenen  Entfernungen,
  Höhen,  Flächen,  Volksmengen  herangezogen  werden.  Übrigens  wird
insbesondere  der  landschaftliche  Eindruck  eines  Bergzuges  nicht  durch  die
absolute  Höhe,  sondern  durch  die  Erbebung  über  die  Umgebung  bestimmt.

1)  F.  Ratsel,  Über  Naturschilderung,  Berlin  1904.  —  Schöne,  Der  moderne  Landschaftsbegriff
  und  seine  Forderungen  an  die  Lehrkunst  im  erdkundlichen  Unterricht.  Pädagogische
  Blätter  1908,  8.  184ff.,  227  ff.