4929  Lawre:  Der  erdkundliche  Unterricht.

Vergleiche  der  Länder  werden  auf  unteren  Stufen  nur  Homologien  sein,  auf
höheren  aber  bereits  Wert  auf  die  Ursache  von  Gleichheit  und  Verschiedenheit
der  Landschaften,  Städtebilder,  Siedlungsverhältnisse  legen  und  so  die  Allgemeine
  Erdkunde  vorbereiten.  Je  reichere  Verbindungen  zwischen  Einzelheiten
und  gesonderten  Vorstellungen  sich  durch  Vergleiche  stiften  lassen,  um  so
stärker  entwickelt  sich  die  Fähigkeit  der  Schüler,  selbsttätig  Zusammenhänge
zu  finden  und  Gesichtspunkte  zur  Beurteilung  der  Länder  und  Völker  aufzustellen,
  um  so  gesicherter  verankert  ruht  der  Tatsachenstoff  im  Gedächtnis.
Die  Vergleiche  führen  schließlich  auf  das  dritte  Mittel,  Verständnis  für  heimisches
und  fremdes  Land  zu  erwecken,  auf  den  Nachweis  ursächlicher  Zusammenhänge
zwischen  den  einzelnen  Wesenszügen.  Kinder  fragen  eher  zu  viel  als  zu  wenig
nach  Gründen  und  kommen  dieser  schwierigsten  Aufgabe  der  wissenschaftlichen
Erdkunde,  die  zu  beobachtenden  Tatsachen  von  Grund  aus  zu  erklären,  freudig
entgegen.  Sie  bekunden  das  Bedürfnis  des  Menschengeistes  nach  Einblick  ins
Wesen  aller  Dinge.  Aber  erstens  ist  die  Wissenschaft  bei  der  Aufdeckung  der
Gründe  für  die  Eigenart  der  Tatsachen  noch  vielerorten  im  unklaren;  Kinder
soll  man  nicht  in  die  Mitte  noch  nicht  völlig  geklärter  Forschungsarbeit  führen.
Zweitens  zerstreut  ein  Übermaß  geologischer,  klimatischer,  biologischer,  historischer
  Erklärungen  die  Schüler,  zerfasert  das  zu  erzeugende  Gesamtbild,  statt
es  zu  sinnfälliger  Einheit  zu  bringen.  Drittens  vergewissere  man  sich  in  jedem
Falle,  wo  den  Schülern  das  Wesen  eines  Gebietes  durch  Aufdeckung  der  ursächlichen
  Zusammenhänge  nahe  gebracht  werden  soll,  die  zwischen  den  in
und  an  ihm  tätigen  Bildungskräften  bestehen,  ob  sie  auch  wirklich  mit  Verständnis
  dem  Gange  des  Unterrichtes  folgen.  In  voll  besetzten  Klassen  scheuen
die  Schüler,  wenn  die  Möglichkeit,  den  einzelnen  heranzuziehen,  gering  ist,  die
selbsttätige  Denkarbeit,  durch  die  sie  im  Widerspiel  von  Fragen  und  Antworten
zu  vertiefter  Einsicht  in  die  erdkundlichen  Gegenstände  geführt  werden  sollen,
wofern  die  Leitung  des  Unterrichtes  zu  schlaff  oder  allzu  straff  ist,  disziplinarisch
  wie  in  der  Logik  der  Gedankenentwicklung.  Trägt  dagegen  der  Lehrer
solche  Gedankengänge  schlicht  akademisch  vor,  so  nehmen  die  Schüler  gern  die
Ergebnisse  gläubig  an  und  machen  einen  äußerlich  einzuprägenden  Gedächtnisstoff
  aus  Überlegungen,  die  ihnen  das  innere  Wesen  der  Sache  erschließen
sollen.  Also  Vorsicht  vor  Übermaß  an  ursächlichen  Erklärungen,  doch  wo  sie
am  Platz  sind,  sorgfältiges  Eingehen  auf  sie!  Nackte,  abstrakte  Behauptungen
(“Schönes  Gebirgsland  ’,  “unwirtliche  Ebenen’,  "der  Handel  blüht’,  ‘man  treibt  Viehzucht’)
  langweilen  ebenso  wie  tote  Namen  und  Zahlen,  die  des  Vergleichs  ent
behren;  denn  ihnen  fehlt  der  Nachweis  der  landeskundlichen  Bedingtheit.  Schon
der  Sextaner  freut  sich  bei  der  Heimatkunde  an  ursächlichen  Verknüpfungen,
daB  an  der  Südseite  des  Hauses  der  Schnee  früher  als  an  der  Nordseite  schmilzt,
daß  der  Regen  Talfurchen  im  Eisenbahndamm  auswäscht.

4.  Lehrmittel‘).  Beste  Lehrmittel  nützen  nichts  bei  untüchtigen  Lehrern;

!)  Beschränkung  des  Raums  gestattet  keine  ausführliche  Bearbeitung  dieses  Abschnitte,
des  meist  behandelten  in  der  Schulgeographie.  Vgl.  die  zahlreichen  Literaturangaben  und