494  Lawurr:  Der  erdkundliche  Unterricht.

Schüler  zu  prüfen,  kann  man  sie  gelegentlich  verkehrt  aufhängen,  Süden  nach
oben,  und  dabei  vom  Mittelalter  erzählen,  als  die  Kartenbilder  Osten  am  oberen
Rande  trugen.  Stumme  Wandkarten  sind  wertvoll,  falls  Schüler  mit  besonders
eingewurzelter  Trägheit  sich  aufs  Ablesen  der  Namen  verlassen.  In  jedem
Fall  hat  der  Lehrer  dem  mühsamen  Suchen  der  Örtlichkeiten  an  der  Karte
entgegenzutreten  und  darauf  zu  halten,  daß  der  zeigende  Schüler  so  weit  seitlich
stehe,  daB  er  durch  sich  selbst  keinem  Mitschüler  das  Kartenbild  verdeckt.
Selbstverständlich  sei  der  Lehrer  mit  der  Karte  ganz  vertraut  und  biete  in  der
Sicherheit  des  Zeigens  das  von  den  Schülern  nachzuahmende  Vorbild.  Richtiger
als  die  Karte  gibt  der  Globus  die  Kugelfläche,  sinnfälliger  das  Relief  die
Höhen  wieder;  aber  beide  sind  unhandlich  und  nicht  von  allen  Schülern  gleich
gut  zu  beobachten.  Sie  ergänzen  nur  die  Karte,  jener  für  Betrachtungen  der
ganzen  Erde,  dieses  für  Teillandschaften.  Nicht  genug  kann  der  Lehrer  zur
Ergänzung  der  Karte,  zur  Erläuterung  seiner  Schilderungen  an  der  Tafel  skizzieren,
  Pläne,  Karten,  Profile,  Gesteinslagerungen,  Biologisches.  Zeichnungen
der  Schüler  halten  den  Unterrichtsgang  dagegen  oft  mehr  auf,  als  ihr  Ertrag
für  die  Erdkunde  wert  ist;  doch  ist  ihre  Bedeutung  groß  schon  als  Selbstbetätigung
  der  Schüler  an  sich,  vor  allem  als  Mittel  zur  Einprägung  von  charakteristischen
  I,inien  der  Fluß-,  Gebirgsrichtungen,  Verkehrswege,  Landes-,  selbst
Erdteilumgrenzungen,  schließlich  als  Mittel  zur  Schulung  der  Fähigkeit  zu  sehen
und  Gesehenes  wiederzugeben.  Der  geographische  Lehrwert  ist  Richter  darüber,
ob,  was  und  wie  gezeichnet  werden  soll,  aus  freier  Hand,  im  Gradnetz  oder
mit  Hilfslinien.!)  Die  Skizzen  mit  Hilfslinien  ergeben  fast  immer  Verzerrungen,
unterstützen  aber  zweifellos  das  Gedächtnis  der  Schüler  für  die  groben  Züge
des  Kartenbildes.  Deshalb  sind  sie  angebracht  nur  auf  den  Unterrichtsstufen
oder  in  den  Fällen  der  Länderkunde,  wo  es  einmal  auf  Gedächtniswissen  mehr
ankommen  sollte  als  auf  Vertiefung  des  Verständnisses  für  die  Leitlinien  im
Aufbau  eines  Erdgebietes.  Als  ganz  äußerliches  Hilfsmittel  für  die  Erinnerung
besitzen  die  Hilfslinien  nie  einen  Lehrwert  an  sich.  Eine  höhere  Stufe  auch  des
bloßen  Gedächtniswissens  stellt  deshalb  die  rohe  Faustskizze  des  Schülers  dar,
die  einen  geschärften  Blick  für  das  Wesentliche  in  einem  Kartenbild  und  beim
Entwerfen  ohne  Vorlage  ein  geübtes  Gedächtnis  voraussetzt.  Nach  vorausgegangenen
  Übungen  läßt  sich  die  Faustskizze,  in  deren  Anfertigung  bei  guter
Schulung  es  schon  Kinder  ziemlich  weit  bringen  können,  als  Extemporaleaufgabe
  verwerten.  Doch  frage  der  Lehrer  sich  beständig,  ob  die  auf  solche
Übungen  verwendete  Zeit  nicht  anderen  Unternehmungen  im  Rahmen  des  erdkundlichen
  Unterrichts  besser  zugute  gekommen  wäre.  Gradnetzkarten  kann
man  die  Schüler  in  fertig  ihnen  vorgelegte  oder  in  erst,  von  ihnen  herzustellende
  Netze  zeichnen  lassen,  je  nachdem  man  Zeit  sparen  oder  für  diesen
Teil  des  Unterrichtes  opfern  will.  Es  läßt  sich  beim  Entwerfen  des  Gradnetzes
manch  Grundbegriff  aus  der  Projektionslehre,  etwa  der  der  Winkeltreue  und

')  Trefflich  faßt  diese  viel  besprochene  Frage  mit  ihrer  ungeheuer  großen  Literatur
zusammen  Hassert,  Das  Kartenzeichnen  im  geographischen  Unterricht  (Korrespondenzblatt
f.  d.  Gelebrten-  u.  Realschulen  Württembergs  1901).