426  Laure:  Der  erdkundliche  Unterricht.

sondern  für  ihr  Leben  lernen.  Die  Anwendung  zahlreicher  Lehrmittel  und  Schülerwanderungen
  nehmen  andererseits  mehr  Zeit  in  Anspruch  als  der  Unterricht
bloß  mit  Karte  und  Lehrbuch;  deshalb  scheuen  leider  manche  Lehrer  die  Mühe
ihrer  Ausnutzung.  Öfters  bieten  Unterrichtsstunden  mit  mannigfachen  besonderen
  Unternehmungen  auch  eine  Gefahr  für  die  Schulzucht.  Zwischen  diesen
Schwierigkeiten  wähle  der  Lehrer  nach  seiner  Befähigung  den  rechten  Weg.
Der  Unterricht  in  der  Erdkunde  ist  individueller  als  mancher  andere,  deshalb
schwer,  aber  auch  sehr  schön.

5.  Der  Lehrer.!)  Je  mannigfaltiger  der  erdkundliche  Unterricht  durch
Vielseitigkeit  des  Lehrstoffes  wie  der  Lehrweise  ist,  je  reichhaltiger  die  zu  Gebote
  stehenden  Lehrmittel  sind,  um  so  deutlicher  erhellt  die  Verantwortung,
die  der  Lehrer  auf  sich  nimmt,  der  einen  in  der  Ordnung  unserer  Schulen  überaus
  knapp,  zum  großen  Teil  unzweckmäßig  mit  Lehrzeit  bedachten  Gegenstand
den  Schülern  so  nahe  bringen  will,  daß  sie  für  ihre  Allgemeinbildung?)  wirklich
  Nutzen  und  Anregung  von  ihm  haben,  und  um  so  klarer  ist  die  Berechtigung
  der  Forderung,  daß  nur  Lehrer  von  ausreichender  wissenschaftlicher
Durchbildung  und  mit  deutlichem  Bewußtsein  von  der  Fülle  der  ihrer  harrenden
pädagogischen  Schwierigkeiten  mit  dem  erdkundlichen  Unterrichte  betraut  werden
  dürfen.  Lehrer  der  Erdkunde  müssen  viel  Landschaften  von  verschiedener
Eigenart  der  Öberflächengestaltung,  der  Witterung,  des  Pflanzenkleides  selbst
gesehen  haben,  in  viel  verschiedengeartete  wirtschaftliche  Verhältnisse  mit  Verständnis
  Einblick  genommen  haben,  wenn  sie  dergleichen  im  Unterrichte  zu
sinnfälliger  Anschauung  bringen  wollen.  In  der  Studienzeit  ist  dafür  nicht
immer  hinreichend  Gelegenheit.  Leider  gebricht  es  noch  an  Einrichtungen
staatlicher  oder  gemeindlicher  Herkunft,  die  ähnlich  wie  Lehrern  der  neueren
Sprachen  oder  wie  den  Archäologen  so  auch  den  Lehrern  der  Erdkunde  Gelegenheit
  oder  Beihilfe  zu  Reisen  im  In-  oder  Auslande  gewähren.  Diese  müssen
sich  an  die  deutschen  oder  internationalen  Geographenzusammenkünfte  halten,
mit  denen  Ausflüge  unter  wissenschaftlicher  Führung  verbunden  zu  sein  pflegen,
und  auch  hierfür  ist  es  nicht  immer  mühelos,  ausreichenden  Urlaub  zu  erhalten,
ganz  abgesehen  davon,  daB  der  Besuch  solcher  Veranstaltungen  Kosten  auferlegt,
  die  bei  mehrfacher  Wiederholung  nicht  für  jeden  leicht  zu  tragen  sind.
Ferner  hat  der  Lehrer  der  Erdkunde,  weil  diese  Wissenschaft  jung  ist,  also  in
ihrer  Forschungsweise  wie  ihrem  Forschungsinhalte  noch  vielen  Wandlungen  unterliegt,
  und  weil  sie  es  mit  zum  Teil  recht  veränderlichem  Stoffe  zu  tun  hat,  dafür
Sorge  zu  tragen,  daß  er  mit  den  Fortschritten  erdkundlicher  Wissenschaft  in  ausreichender
  Fühlung  bleibt.  Zu  diesem  Zweck  ist  die  Mitgliedschaft  in  einer  der
zahlreichen  Gesellschaften  für  Erdkunde  anzuraten,  vor  allem  aber  die  Verfolgung
der  erdkundlichen  Literatur.  Nur  das  Wichtigste  davon  sei  hier  zusammengestellt.

Genauere  Nachweisungen  findet  man  in  der  Bibliotheca  geographica,
herausg.  von  O.  Baschin  im  Auftrage  der  Berliner  Ges.  f.  Erdk.  (Berlin,  H.  W.  Kühl),

Vgl.  GA,  IV,.161  ff.
2)  Lampe,  Erdkunde  als  Bestandteil  der  Allgemeinbildung.  (In  der  Festschrift  “Aus
der  Humboldt-Akademie’,  Berlin  1902,  Weidmannsche  Buchhandlung.)  Vgl.  GA.  IV,  33.