Zur  Geschichte  des  mathematischen  Unterrichts.  429

RECHNEN  UND  MATHEMATIK.

Von  Heınrıcn  MüLLer.

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I.  ZUR  GESCHICHTLICHEN  ENTWICKLUNG  DES  MATHEMATISCHEN
UNTERRICHTS.

Die  hervorragenden  Pädagogen  des  16.  Jahrhunderts  legten  der  Mathematik
bereits  ein  größeres  Gewicht  bei,  vor  allen  Philipp  Melanchthon,  der
praeceptor  Grermaniae').  In  seinen  Vorreden  zu  mathematischen  Werken,  die  er
teils  selbst  herausgab,  teils  nur  mit  einem  ausführlichen  Vorwort  ausstattete,
weist  er  immer  wieder  auf  den  inneren  Wert  der  Mathematik  für  die  Schulung
des  Geistes  und  die  Schärfung  des  Verstandes  hin.  Eine  Schulung  in  der  durch
die  Klarheit  ihrer  Beweise  ausgezeichneten  Geometrie  sei  notwendig  für  die
Handhabung  einer  strengen  Deduktion,  und  die  Arithmetik  sei  wichtig,  weil  sie
allein  den  Zugang  zu  der  Kenntnis  der  Himmelskörper  und  ihrer  Bewegungen
eröffne.?)  Zur  Einführung  der  Mathematik  gab  allerdings  weniger  ihr  Wert
für  die  geistige  Ausbildung  als  ihre  Bedeutung  für  das  kaufmännische  Leben
den  Anstoß,  und  daher  erscheint  die  Mathematik  in  den  Schulen  zuerst  an  den
großen  Handelsplätzen  der  damaligen  Zeit,  die  das  Bedürfnis  nach  einer  tüchtigen
  Ausbildung  in  der  Arithmetik  nicht  weiter  der  Zunft  der  Rechenmeister
allein  überlassen  wollten.  So  wurde  1526  am  St.  Ägidien-Gymnasium  in
Nürnberg  durch  Melanchthon  und  1529  in  Hamburg  durch  Buggenhagen
das  Rechnen  mit  ganzen  Zahlen  und  Brüchen  als  Lehrgegenstand  vorgeschrieben,
und  bald  folgten  ihnen  hierin  Lübeck,  Frankfurt  a.  M.,  Straßburg  u.a.m.  In
seiner  Goldberger  Schule  ging  Trotzendorf  (1490—1550)  einen  weiteren
Schritt  vorwärts  und  gliederte  dem  mathematischen  Unterricht  die  sphaera,
d.  h.  die  Anwendung  auf  Astronomie  und  mathematische  Geographie  an,  und
Johannes  Sturm  (1504—1589),  der  geniale  Begründer  des  Protestantischen
Gymnasiums  in  Straßburg,  überbot  ihn  noch,  indem  er  dem  Mathematiker
seiner  Anstalt  Dasypodius  (Rauhbein)  gestattete,  über  Euklid  und  Aristoteles

ı)  Vgl.  Bernhardt,  Philipp  Melanchthon  als  Mathematiker.  Wittenberg,  1865.
*)  Vgl.  F.  Pahl,  die  Entwicklung  des  mathematischen  Unterrichts  an  unseren  höheren
Schulen.  Jahresbericht  des  Charlottenburger  Realgymnasiums  von  1898.