430  Mützen:  Rechnen  und  Mathematik.

de  mundo  vorzutragen.)  Dem  Einfluß  dieser  beiden  großen  Pädagogen  ist  es
zuzuschreiben,  daß  bald  an  zahlreichen  Schulen,  insbesondere  an  den  drei
sächsischen  Fürstenschulen  St.  Afra,  Grimma  und  Schulpforta  dem  mathematischen
  Unterricht  in  den  oberen  Klassen  wöchentlich  1  bis  2  Stunden  zugewiesen
wurden.

Bei  der  grauenvollen  Verwüstung  Deutschlands  durch  den  Dreißigjährigen
Krieg  war  im  17.  Jahrhundert  zunächst  an  eine  ergiebige  Weiterentwicklung
des  Unterrichts  nicht  zu  denken.  Viele  Schulen  gerieten  in  Verfall  oder  gingen
ganz  ein,  nicht  nur  weil  die  wirtschaftliche  Kraft  der  Städte  und  Länder  zu
sehr  geschwächt  war,  sondern  auch  weil  es  an  geeigneten  Lehrkräften  fehlte,
und  erst  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  trat  wieder  eine  günstige  Wendung  ein.
Der  gewaltige  Aufschwung  der  Mathematik  in  dem  saeculum  mathematicum
von  Kepler  bis  Leibniz  führte  zwar  dazu,  daB  der  Geist  der  Mathematik  das
gesamte  wissenschaftliche  Leben  beherrschte  und  die  Mathematik  wegen  der
ewigen  Wahrheit  ihrer  Lehrsätze  und  der  strengen  Folgerichtigkeit  ihrer  Schlüsse
als  die  vornehmste  Wissenschaft  galt  —  die  heute  als  Elementarmathematik
bezeichneten  Gebiete  wurden  nach  Form  und  Umfang  fast  vollständig  ausgebaut?)
  —;  allein  auf  den  mathematischen  Unterricht  an  höheren  Schulen
übte  dieser  Umschwung  nur  ganz  allmählich  seine  Wirkung  aus.  Comenius
(1592—1671)  räumte  der  Mathematik  im  Unterricht  eine  wichtige  Stellung
ein,  und  bei  der  großen  Anerkennung,  die  ihm  die  Schulmänner  seiner  Zeit
zollten,  blieben  seine  Bestrebungen  nicht  ohne  Nacheiferung;  nachhaltiger  wirkte
jedoch  der  Einfluß,  den  Ratichius  (1571—1635)  besonders  durch  seine  Schüler
Jungius  (1587—1657)  und  Weigel  (1625—1699)  auf  die  Entwickluug  des
mathematischen  Unterrichts  ausübte.  Jungius,  seit  1629  Direktor  des  Johanneums
  in  Hamburg,  war  hier  fast  ein  Menschenalter  hindurch  unermüdlich  für
Hebung  des  mathematischen  Unterrichts  tätig,  und  Weigel  suchte  als  Professor
an  der  Universität  Jena  ganz  im  Sinne  von  Ratichius  und  Jungius  in  Mitteldeutschland
  die  Schulen  zu  beeinflussen;  sein  Schüler  Semler  gründete  in
Halle  die  erste  Realschule.  In  gleichem  Sinne  wirkte  ın  Süddeutschland  Johann
Christoph  Sturm  (1635-1703),  Professor  an  der  Universität  Altdorf  (Nürnberg),
  um  eine  bessere  Vorbereitung  für  das  Universitätsstudium  zu  ermöglichen.
  Auf  seine  Veranlassung  hin  wurde  am  St.  Ägidien-Gymnasium  in
allen  sechs  Klassen  Mathematik  gelehrt.  Seine  Didaktik,  die  mathesis  juvenilis,
fand  eine  außerordentlich  rasche  Verbreitung  in  ganz  Deutschland  und  beherrschte
  die  großen  Anstalten,  bis  sie  schließlich  Wolffs  Auszug  aus  den
Anfangsgründen  der  mathematischen  Wissenschaften  Platz  machen  mußte.

Neben  den  genannten  Männern,  die  durch  ihre  Stellung  unmittelbar  auf
die  Entwicklung  der  Schulen  einwirken  konnten,  übte  Leibniz  mittelbar  einen
großen  Einfluß  auf  die  Erweiterung  des  mathematischen  Unterrichts  aus.  In
seiner  nova  methodus  discendi  etc.  spielt  die  Mathematik,  namentlich  wegen  ihrer

ı)  Vgl  Simon,  Methodik  und  Didaktik,  S.  7  (Sonderausgabe  aus  Baumeisters
Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre.  München.  1895).
?)  Vgl.  die  ausgezeichnete  Behandlung  dieses  Zeitabschnittes  bei  F.  Pahl,  I,  8.  14—18.