432  Minıze:  Rechnen  und  Mathematik.

1783),  dessen  Tätigkeit  auf  allen  Gebieten  der  Elementarmathematik  Spuren
hinterlassen  hat,  durch  Christian  Wolff  in  Halle  (1679—1754)  und  Abraham
Gotthelf  Kästner  in  Göttingen  (1719-1800)  die  Grundlagen  geschaffen  wurden,
auf  denen  sich  nach  Inhalt  und  Lehrverfahren  der  Unterricht  in  der  Mathematik
aufbauen  konnte,  ließen  sich  am  Schluß  des  Jahrhunderts  namhafte  Pädagogen
seine  Förderung  sehr  angelegen  sein.  In  erster  Linie  ist  hier  August  Hermann
Francke  (1663—1727)  zu  nennen.  An  seinem  Pädagogium  in  Glaucha,  das
bald  als  eine  Musterschule  galt,  nach  deren  Vorbild  neue  Gymnasien  gegründet
und  zahlreiche  bereite  vorhandene  umgestaltet  wurden,  waren  der  Mathematik
im  ganzen  wöchentlich  27  Stunden  (gegenüber  98  Stunden  für  Latein)  zugewiesen,
und  damit  war  zu  ihren  Gunsten  in  den  Betrieb  der  alten  Sprachen  bereits
eine  große  Bresche  gelegt.  Franckes  Schüler  Hecker,  der  Gründer  der  ersten
Realschule  in  Berlin,  die  sich  später  in  das  Friedr.  Wilhelms-Gymnasium  und  das
Kgl.  Realgymnasium  teilte,  erhöhte  die  Stundenzahl  der  Mathematik  bereite
auf  30  in  der  Woche,  während  dem  Latein  60,  dem  Griechisch  6  und  dem
Französisch  25  Stunden  gewidmet  wurden.  Über  die  Verteilung  des  Lehrstoffe
auf  die  einzelnen  Klassen  gibt  die  Programmschrift  Aufschluß,  die  J.  F.  Hähn'),
gleichfalls  ein  Schüler  Franckes,  als  Inspektor  der  Schule  Kloster-Berge  erscheinen
  ließ.

Da  die  Philanthropinisten  die  Ideen  Heckers  und  Hähns  eifrig  aufnahmen
  und  ihre  Methoden  (Anschauungsunterricht!)  weiter  ausbildeten,  so
trugen  auch  sie  zu  einer  Verstärkung  der  Strömung  bei,  die  der  Mathematik
einen  größeren  Raum  im  Unterrichtsbetrieb  der  Gymnasien  verschaffen  mußte.
Ihr  Bestreben  wurde  allerdings  wesentlich  durch  die  Tatsache  unterstützt,  daB
der  eingetretene  Wandel  in  den  Anschauungen  über  die  Aufgabe  des  altsprachlichen
  Unterrichts  das  Ansehen  des  alten  humanistischen  Lehrbetriebs  untergraben
  und  an  Stelle  der  völligen  Beherrschung  der  alten  Sprachen  die  „Ausbildung
  des  Verstandes,  der  Einsicht,  des  Urteils  und  des  Geschmackes“  als
Bildungsidesl  aufgestellt  hatte.  Da  der  Wert  der  Mathematik  für  diese  Erziehungsaufgabe
  längst  anerkannt  war,  ein  Gegensatz  zwischen  ihr  und  den
alten  Sprachen  also  nicht  mehr  bestand,  so  blieb  dem  neuen  Humanismus  nur
übrig,  die  Mathematik  als  unentbehrlich  für  die  Ausbildung  des  jugendlichen
Geistes  in  dem  gleichen  Maße  heranzuziehen,  wie  sie  von  dem  alten  Humanismus
hintangesetzt  worden  war.  Hatte  Francke  die  Mathematik  noch  hauptsächlich

ung  ihre  Schranken  selbst  da  sichtbar  zu  machen,  wo  man  die  größte  Leichtigkeit  und
Klarheit  erwarten  sollte.

4.  Sie  belohnt  die  Mühe,  mit  welcher  man  ihre  Bekanntschaft  sucht,  schon  reichlich
durch  das  reine  unschätzbare  Vergnügen,  das  sie  ihren  Liebhabern  gewährt.  Dieses  Zeugnis
hat  ihr  von  jeher  ein  jeder  ihrer  Kenner  gegeben.  Ihr  wichtigster  Nutzen  ist  aber  die
Schärfung  des  Verstandes  und  die  Übung  desselben  im  gründlichen  Urteilen,  ja  selbst  im
Erfinden.  Schärfung  des  Verstandes  und  Übung  im  gründlichem  Urteilen  ist  unentbehrliches
Bedürfnis  für  jeden  Studierenden.  Allein  diesen  Vorteil  kann  ihm  keine  Wissenschaft  in
dem  Grade  verschaffen  als  die  Mathematik,  usw.

1)  Die  Schrift  Hähns  befindet  sich  in  Nova  acta  scholastica.  Vgl.  F.  Pahl,  a.a.O.
U,  8.  10.