Geschichtliches.  491

ordnung  machte  nach  und  nach  die  Runde  durch  ganz  Deutschland,  allerdings
mit  verschiedenen  Abwandlungen.!)  Wie  sehr  sich  der  erzieherische  Wert  der
Naturwissenschaften  in  jener  Zeit  bewährte,  dafür  geben  z.  B.  Zeugnis  das
Stuttgarter  Realgymnasium?)  und  die  Realschule  I.  Ordnung  zu  Lippstadt,
wo  Hermann  Müller  wirkte.)

Aber  schon  1882  erschienen  in  Preußen  neue  Lehrpläne,  die  zwar  den
biologischen  Unterricht  am  Gymnasium  etwas  verstärkten  (Durchführung  durch
die  Klassen  VI  bis  O  III),  ihn  aber  an  allen  Realanstalten  bis  zur  U  II
herabschoben.*)  Diese  Verstümmelung  des  Lehrplans  traf  nicht  nur  das  eine
Fach,  sondern  den  gesamten  naturwissenschaftlichen  Unterricht.  Denn  der
damals  schon  eingeschlagene  Weg,  diesen  Unterricht  nach  dem  Humboldtschen
Ziele  einer  allgemeinen  Naturerkenntnis  zu  lenken,  war  damit  abgeschnitten.
Das  änderte  sich  im  wesentlichen  auch  nicht  1892  und  1901,  wir  haben  vielmehr
  für  alle  naturwissenschaftlichen  Disziplinen  dieselbe  Stundenanzahl  wie
1859  nur  noch  an  den  1882  neugegründeten  Oberrealschulen,  aber  auch  hier
hat  eine  Verschiebung  zugunsten  der  Physik  stattgefunden.?)

1)  Wohl  unter  dem  nachwirkenden  Einfluß  von  Thiersch,  dessen  Gymnasiallehrplan
1829  den  Naturwissenschaften  überhaupt  keinen  Platz  einräumte  (vgl.  Schmidt  a.  a.  O.
8.  11,  12),  bat  Bayern  auch  an  seinen  Realschulen  weniger  naturwissenschaftlichen
Unterricht.

s,  Vgl.  Rethwisch,  Deutschlands  höheres  Schulwesen  im  19.  Jahrhundert.  Berlin
1898,  9.  96  ff.

®,  Vgl.  die  Jahresberichte  dieser  Anstalt  1865—1876.

“)  Es  fehlt  (Lehrpläne  für  die  höheren  Schulen,  Berlin  1882,  S.  6)  der  Hinweis  nicht,
daß  die  Ausdehnung  des  Unterrichts  in  die  oberen  Klassen  den  kaum  zu  vermeidenden  Anstoß
  gegeben  habe,  in  theoretische  Hypothesen  einzugehen.  Es  war  also  wohl  in  erster
Linie  der  Fall  Müller,  Lippstadt  (vgl.  NS.  II,  43  und  II,  882),  der  die  Verkürzung  des
biologischen  Unterrichts  bewirkt  hatte.

8,  Der  biologische  Unterricht  hat  also  noch  immer  unter  der  historischen  Entwicklung
unseres  Schulwesens  zu  leiden.  —  Bayern  nahm  erst  1891  in  den  unteren  Klassen  des
humanistischen  Gymnasiums  ‘Naturkunde’  auf.  Es  besitzen  dort  z.  Z.:  das  human.  Gymn.
5,  das  Realgymn.  7,  die  Realschule  nur  6  Stunden  biologischen  Unterricht,  und
zwar,  was  &amp;ls  besonders  ungünstig  bezeichnet  werden  muß,  nur  auf  den  8  unteren  Klassen
(das  Realg.  wenigstens  auf  den  5  unteren.  Damit  steht  es  im  Zusammenhang,  daß  die
bayerischen  Lehrpläne  die  einzigen  sind,  die  den  Unterricht  mit  einer  “Einleitung,  Lehre
von  der  Gestalt  und  den  Teilen  der  Pflanze,  und  mit  einer  Einführung  in  das  Linnösche
System’  beginnen,  daß  sie  für  die  2.  Realschulklasse  die  allgemeine  Botanik  (Anatomie  und
Physiologie),  für  die  8.  die  Kapitel  über  Atmung,  Stoffwechsel,  Ernährung  des  Menschen
vorschreiben.

Sachsen  hat  in  seinem  hum.  Gymn.  Biologie  bis  U  III  in  je  2  Stunden,  in  dem
Realgymn.  zussmmenhängenden  biologischen  Unterricht  auch  nur  bis.  U  II.  Später  treten
nur  noch  einmal  in  der  Lehraufgabe  der  U  II  (Mineralogie  und  Geologie)  auf:  “im  Anschlusse
an  die  Paläontologie  Wiederholungen  aus  den  Gebieten  der  Zoologie  und  Botanik.  Überblick
  über  den  Zusammenhang  der  verschiedenen  Naturreiche’  Nur  die  Realschulen
haben  Biologie  noch  in  den  beiden  obersten  Klassen,  doch  auch  nur  mit  je  1  Stunde  im
Anschluß  an  Mineralogie  und  Geologie.  Hervorgehoben  muß  aber  werden,  daß  die  sächsischen
  Lehrpläne  für  eine  höchst  sachgemäße  Verbindung  des  geographischen  und  naturwissenschaftlichen
  Unterrichts  Sorge  tragen  und  dadurch  wenigstens  einem  Teil  der  Biologie
eine  gewisse  Fortsetzung  auf  den  oberen  Klassen  sichern.  Ähnlich  die  Lehrpläne  der