Geschichtliches.  Entwickelung  der  Methode.  493

Wertes  der  allgemeinen  Bildungsmittel,  erwies  sich  in  der  Folgezeit  als  wenig  geeignet,
  gerade  der  Wissenschaft  vom  Leben  genügend  gerecht  zu  werden.  —  Lübens
Methode  errang  sich  trotz  gleich  anfangs  einsetzenden  Widerspruchs  allmählich
immer  allgemeinere  Anerkennung.  Lüben  ‘unterscheidet  klar  eine  materiale  und
eine  formale  Aufgabe  des  naturkundlichen  Unterrichts.  Jene  besteht  darin,  den
Menschen  mit  der  ihn  umgebenden  Natur,  aus  der  er  seine  Lebensbedürfnisse
befriedigt,  bekannt  zu  machen  und  ihn  zur  Erkenntnis  des  Lebens,  der  Kräfte
und  der  Einheit,  welche  sich  in  der  Natur  kundgeben,  zu  führen...  Aber
höher  als  die  materiale  steht  Lüben  die  formale  Aufgabe,  steht  ihm  der  bildende
  Einfluß,  den  der  naturwissenschaftliche  Unterricht  auf  die  Übung  der
Sinne,  auf  Schärfung  der  Beobachtungsgabe,  auf  die  Vorstellungskraft,  auf
Denken,  Empfinden  und  Wollen  auszuüben  vermag.’  (Norrenberg  a.a.  0.  8.57.)
Sein  großes  Verdienst  ist  es,  mit  der  Lesemethode  (s.9.488,  Anm.  4)  endgültig  gebrochen
  und  einem  anschaulichen,  vom  Nahen  zum  Fernen,  vom  Leichteren  zum
Schwereren,  vom  Besonderen  zum  Allgemeinen  fortschreitenden  Verfahren  zur
Geltung  verholfen  zu  haben.  Aber  sein  Ziel,  die  Schüler  zur  selbständigen
Untersuchung,  Beobachtung  und  Beschreibung,  schließlich  zur  Einordnung  in
ein  System  zu  führen,  seine  speziell  der  Erarbeitung  des  Systems  angepaßten
Unterrichtsstufen,  in  denen  Beobachten,  Vergleichen,  Unterscheiden,  sowie  die
Erarbeitung  des  Art,  Gattungs-,  Familien-  usw.  -begriffs  säuberlich  geschieden
waren:  dieser  Schematismus  verurteilte  den  Unterricht  zur  Trockenheit  und
Lebensarmut.  —  Zwei  Ziele  steckten  sich  Lübens  Nachfolger  immer  einseitiger:
‘Beschreiben’  und  ‘Bestimmen’.  Das  Beschreiben  wurde  nach  einer  ein-  für
allemal  für  jeden  beliebigen  Organismus  feststehenden  Disposition  vorgenommen.
  Gab  dies  schon  dem  Unterrichtsgange  etwas  Starres,  Langweilendes,
  so  zog  die  Beschreibungsarbeit  an  sich  noch  einen  Stoff  herbei,  der  didaktisch
  wertlos  war  und  die  Wissenschaft  vom  Leben  zu  einem  umfänglichen,
von  scholastischem  Geist  eingegebenen  Konvolut  von  terminis  technicis  und  ihren
Definitionen  machte.  Denn  die  Pflanzenbeschreibungen  wurden  den  Diagnosen
der  floristischen  Werke  nachgeschaffen  und  benutzten  deren  zum  Zweck  einer
minutiösen  Formbeschreibung  bis  ins  Detail  ausgearbeitete  Terminologie.
Anregender  wurde  der  Unterricht  erst,  wenn  zum  Bestimmen  übergegangen
  wurde  Aber  andererseits  ließ  das  Überwiegen  der  Bestimmungsübungen
  die  “materiale  Aufgabe’  des  Unterrichts  ganz  in  den  Hintergrund
treten.  Leunis’  ‘Schulnaturgeschichte,  eine  analytische  Darstellung  der  drei
Naturreiche  zum  Selbstbestimmen  der  Naturkörper’”  und  desselben  für  die
oberen  Klassen  bestimmter  “Analytischer  Leitfaden’  bildeten  eine  besonders
im  Westen  Deutschlands  vielbenutzte  Grundlage  für  den  Unterricht!)  Ein

1886,  selber.  —  Daß  aber  uns  der  Mißstand  deutlich  auffällt,  den  Bildungsgehalt  einer
Wissenschaft  in  der  Beschreibung  und  Anordnung  der  Objekte  statt  in  der  Erklärung  der
Tatsachen  und  in  der  Darstellung  des  Geschehens  finden  zu  wollen,  müssen  wir  der  Entwicklung
  zugute  schreiben,  die  die  Wissenschaft  selber  seit  Linnd,  im  wesentlichen  aber
doch  erst  im  19.  Jahrhundert,  genommen  hat.

1)  Vgl.  hierzu  Oppermann,  Johannes  Leunis.  NS.  I,  257—264.