Entwickelung  der  Methode.  495

Erst  zwei  neue  starke  Anstöße  führten  den  Bruch  mit  Lübens  formallogischer
  Methode  herbei:  Die  durch  die  Entwicklungstheorie  verursachte
  rapide  Weiterentwicklung  der  Wissenschaft  und  die  von
Herbart  ausgehende  pädagogische  Bewegung.!)

Gewiß  hat  sich  die  Didaktik  und  Methodik  unseres  Faches  aus  sich  heraus,  aus
den  gegebenen  Bedingungen  des  Stoffs  entwickelt,  trotzdem  kann  man  die  vielfachen
Anregungen  nicht  verkennen,  die  ihr  die  Prinzipien  des  erziehenden  Unterrichts
gebracht  haben.  Die  Forderung:  nicht  totes  Wissen  auf  mechanischem  Wege
anzudozieren,  sondern  lebendiges  Wissen  durch  Anregung  und  Leitung  des  angeborenen
  Forschungstriebs  der  Jugend  zur  Entwicklung  zu  bringen,  —  und  die
entsprechende  Warnung:  ein  Unterricht  ohne  Interesse,  das  zu  selbsttätigem
Fortschreiten  nach  immer  neuen  und  höheren  Zielen  treibt,  ist  nicht  erziehlich,
—  diese  beiden  Leitsätze  mußten  einen  großen  Teil  des  unter  der  Herrschaft
der  Lübenschen  Methode  zusammengetragenen  Unterrichtsstoffes  wertlos  erscheinen
  lassen.  Daher  trat,  schon  früher  oder  von  anderen  Gesichtspunkten
‚her  unternommen,  *)  jetzt  eine  besonders  genaue  Revision  des  alten  rein  morpho-DI.

  Stufe  zulassen  zu  wollen.  Statt  des  Unterrichtsgangs  in  konzentrischen  Kreisen  empfifhlt
  W.  den  geradlinigen  Weg,  d.h.  den  Weg,  der,  vom  Leichteren  allmählich  zum
Schwereren  übergehend,  im  allgemeinen  dem  System  folgt.  (Löw  bemerkt  Jb.
1888,  8.  840,  sehr  richtig:  “Von  einem  rein  systematischen  Lehrbuch  kann  eine  Förderung
  des  Unterrichts  in  methodischer  Beziehung  nicht  erwartet  werden.)  Wir  glauben
die  kurze  Schilderung  der  Zeit  von  Lübens  Nachfolgern  am  besten  mit  dem  Urteil
E.  Schmidts  (a.  a.  O.  8.  47—50)  abschließen  zu  können,  der  bei  seinen  Ausführungen  zunächst
  die  älteren  Arbeiten  von  E.  Löw  in  Betracht  zieht:  “Soviel  ich  zu  erkennen  vermag,
liegt  die  Bedeutung  jener  Schriften  nicht  darin,  daß  sie  dem  naturgeschichtlichen  Unterricht
neue  Ziele  steckten  oder  ihn  mit  neuen  Methoden  beschenkten:  sie  liegt  vielmehr  darin,
daB  in  keiner  anderen  Schrift  fast  alle  Seiten  unsers  Gegenstands  in  so  klarer  und  gründlicher
  Weise  behandelt  sind.’  —  Weite  Verbreitung  fanden  wie  die  Löwschen  Lehrbücher
so  auch  die  von  Wossidlo  (Berlin,  Weidmann),  Bail  (Leipzig,  Fues)  und  Vogel-Müllenhoff-Kienitz-Gerloff
  (Berlin,  Winkelmann).  Von  letzteren  (in  ihren  älteren  Auflagen)
urteilt  E.  Schmidt  (ea.  a.  O.  9.  49):  “Mir  ist  kaum  ein  Lehrbuch  bekannt,  welches  so  viele
Übereinstimmungen  mit  denjenigen  Lübens  besonders  in  den  späteren  Jahren  zeigte.’  "Es
scheint  der  Einfluß  dieses  Buches  noch  größer  zu  werden,  seitdem  in  den  Erläuterungen  zu
den  Lehrplänen  von  1882  ein  Verfahren  als  nachahmenswert  hingestellt  wird,  das  mit  dem
in  jenen  Leitfäden  beobachteten  zusammentrifit.  Damit  gewinnt  ein  großer  Teil  der
Lübenschen  Vorschläge  Eingang  in  die  Schulen.’

1)  Aus  der  reichen  Literatur  seien  hier  nur  angeführt:  Kern,  Grundriß  der  Pädsgogik.
  Berlin,  2.  Aufl.  1878;  Willmann,  Didaktik  als  Bildungslehre.  Braunschweig  1882
und  1889;  Willmann,  Pädagogische  Vorträge.  Leipzig  1896.  VD.  XV,  Sachsen  1883.
Eine  Anzahl  nach  Herbart-Ziller-Stoyscher  Methode  durchgeführte  biologische  Lektionen
findet  der  Leser  in  den  ‘Lehrproben  und  Lehrgängen’.  Vgl.  ferner  K.  Fricke,  Der
biologische  Unterricht  an  den  höheren  Lehranstalten.  Bremen,  Progr.  der  Handelssch.  1888,
Günthart,  Die  Aufgaben  des  naturkdl.  Unterrichts  vom  Standpunkte  Herbarts,  Leipzig
1904,  besonders  aber  Kienitz-Gerloff,  Methodik  des  botanischen  Unterr.  Berlin  1904.

»)  E.  Löw,  Der  botanische  Unterricht  an  höheren  Lehranstalten  (Zentralorgen  für  die
Inter.  d.-Realschulw.  Bielefeld  u.  Leipzig  1876);  derselbe,  Methodisches  Übungsbuch  für
d.  Unterr.  in  der  Botanik.  Berlin  1875;  v.  Freyhold,  Kritische  Beiträge  zur  Reform  des
naturw.  Unterr.  (Päd.  Sammelmappe  84.  Heft);  derselbe,  Lehrbuch  der  Botanik.  Freiburg  i.  B.