498  Lınpssera:  Biologie.

Neben  diesen  Anregungen  fand  Junges  Versuch,  den  biologischen  Unterricht
  auf  dem  Begriff  der  Lebensgemeinschaft  aufzubauen,  große  Beachtung
und  gewann  Einfluß  auf  den  Unterricht  besonders  der  Volksschulen,  doch  in
abgeänderter  Form  auch  der  Mittelschulen.  Die  von  K.  Möbius,  de  Bary  und
O.  Hertwig  begründete  Lehre  von  den  Erscheinungen  des  Genossenschaftslebens
bei  Pflanzen  und  Tieren  hatte  von  K.  Möbius!)  eine  weitere  Kreise  lebhaft
interessierende  monographische  Behandlung  gefunden.  Er  hielt  in  2  Semestern
der  70er  Jahre  in  Kiel  Vorträge  über  Zoologie  für  die  Lehrer  der  Gemeindeschulen
  und  ‚gab  dadurch  dem  Hauptlehrer  Friedrich  Junge  AnstoB  zu
seinem  Buche  ‘Der  Dorfteich  als  Lebensgemeinschaft’,  Kiel  1885.  Später  (1891)
erschien  Junges  zweite  mit  der  ersten  unter  dem  Gesamttitel  ‘Naturgeschichte’
vereinigte  Reformschrift  ‘Die  Kulturwesen  der  deutschen  Heimat’”)  Nachdem
die  ungebührliche  Zurückdrängung  der  Morphologie  und  Systematik  und  verschiedene
  von  den  Nachfolgern  Junges  ausgegangene  übertriebene  Konzentrationsversuche
  für  den  Mittelschulunterricht  zurückgewiesen  sind,  können  wir
jetzt  wohl  erkennen,  was  von  der  Reform  Junges  dauernden  Wert  besitzt:  Er

geschichtlichen  Unterricht  einerseite  und  den  physikalisch-chemischen  andererseits  bemerkt.
Er  sehe  diesen  Unterschied  begründet  in  dem  zwischen  beschreibender  und  erklärender
  Naturbetrachtung  und  sei  so  zunächst  zu  einer  unterrichtlichen  Verwertung  der  Insektenbestäubung,
  dann  (auf  O  II  und  I)  zu  einer  Darstellung  der  Entwicklungsgeschichte
mit  Zugrundelegung  der  einschlägigen  Hypothesen  gelangt.

1)  Möbius,  Die  Auster  und  die  Austernwirtschaft.  Berlin  1877;  derselbe,  Über
die  Tiere  der  schleswig-holsteinischen  Austernbänke,  ihre  physikalischen  und  biologischen
Lebensverhältnisse  (Sitz.-Ber.  d.  Pr.  Ak.  der  Wiss.).  Berlin  1893.  Vgl.  im  übrigen  desselben
Verf.  Aufsatz  “Die  Lebensgemeinsch.  im  natkd.  Unterr.’.  NS.  III  289  ff.

»)  Junge  ging  von  dem  Gedanken  aus,  daß  der  morphologisch-systematische  Unterricht
nicht  naturgemäß  sei,  zu  mangelhafter  Naturkenntnis  und  zu  pädagogischen  Fehlern  führe.
Kenntnis  des  Systems  könne  überhaupt  nicht  Ziel  des  (Volksschul-)Unterrichts  sein;  dies
sei  vielmehr  ein  klares  gemütvolles  Verständnis  des  einheitlichen  Lebens  in
der  Natur.  Junge  sieht  also  die  Einheit  im  Leben  selbst,  begnügt  sich  aber  nicht  mit
der  Erkenntnis,  daß  Form  und  Lebensverrichtung  der  Organe  sich  entsprechen,  will  vielmehr
  schon  im  Elementarunterricht  den  Nachweis  erbringen,  daß  die  Lebensäußerungen
der  verschiedenen  Naturdinge  bei  aller  Mannigfaltigkeit  doch  nach  gewissen
in  der  Natur  gegebenen  Normen  geschehen.  ‘Die  Beachtung  der  &amp;esetze  (sc.
des  Lebens)  bei  der  Betrachtung  der  Individuen  und  ähnliche  Behandlung  von
Lebensgemeinschaften  bildet  den  Schwer-  und  Angelpunkt  meines  naturgeschichtlichen
  Unterrichts’  erklärte  er  (Dorfteich,  8.  10).  Er  stellte  8  solcher  Gesetze
auf,  die,  wie  Kienitz-Gerloff  (Meth.  S.  79)  richtig  bemerkt,  “als  etwas,  worauf  man
erst  in  neuester  Zeit  aufmerksam  geworden  ist,  höchstens  auf  der  Oberstufe  gefunden  und
verstanden  werden  können.’  —  Es  ist  eine  große  Literatur  über  die  Jungeschen  Schriften
entstanden,  besonders  von  seiten  der  Herbartschen  Schule  und  der  Volksschulpädagogik.
(Vgl.  dazu  Matzdorffa  a.0.S.  15,  K.  Fricke  a.a.0.9.17ff.,  Schmeil,  Reformbestrebungen
  8.  42ff.,  Schwarze,  Progr.  Hamburg  Rg.  d.  Joh.  1902,  und  neuerdings  Matzdorff,
  Über  die  Bedeutung  des  Begriffs  der  Biocönose  f.  d.  biol.  Schulunterricht,  Zool.  Ib.
Suppl.  VIII,  Jena  1905,  wo  weitere  Literaturangaben  zu  finden  sind.)  Meinen  Standpunkt
gegenüber  dieser  Frage  habe  ich  dargelegt  in  ‘Einkehr  od.  Umkehr?’  Leipzig  1895,  in  der
Einleitung  zu  dem  ‘Hilfs-  und  Übungsbuch  f.  d.  bot.  Unterr.’.  Leipzig  1901  und  im  Begleitwort
  zum  ‘Lehr-  und  Übungsbuch’.  Leipzig  1901.