Entwickelung  der  Methode.  499

stellt  die  Organismen  als  Lebewesen  in  ihre  natürliche  Umgebung  und  läßt  sie  als
Teile  eines  größeren  zusammenhängenden  Ganzen  und  in  Wechselwirkung  mit
den  anderen  Gliedern  der  Gemeinschaft  auffassen.  (Vgl.  S.  502,  Anm.  1.)

Aus  alledem  hat  sich  die  Methodik  der  Biologie  als  gesicherten  Besitz!)
das  sogenannte  biozentrische  Verfahren  erworben.  Seine  Empfehlung  findet
sich,  wenn  auch  ohne  Anwendung  dieser  Bezeichnung,  in  beinahe  allen  neueren
Lehrplänen.  Naturgemäß  ist  es  wegen  der  Objekte,  die  betrachtet  werden
sollen,  und  die  man  lange  genug  als  leblose  Formen  “beschrieben”  hat,  naturgemäß
  aber  auch  aus  psychologischen  Gründen.  Denn  es  war  ein  schwerer
Irrtum,  daß  die  Naturwissenschaften  den  Schülern  eo  ipso  interessant  sein
müßten;  das  Interesse  muß  vielmehr,  wie  bei  jedem  Unterricht,  auch  hier  erst
durch  die  Unterrichtsarbeit  erweckt  und  zu  einer  Willenskraft  gefördert  werden.
Daß  aber  die  Lebenserscheinungen  der  Organismen  in  diesem  Sinne  “interessante’,
  weil  dem  kindlichen  Erfahrungskreis  naheliegende  Ziele  hergeben,  die
in  kurzer  Zeit  zu  erreichen  sind,  macht  das  biozentrische  Verfahren  naturgemäß
  auch  nach  allgemein  pädagogischen  Gesichtspunkten.

Es  ist  aber  nicht  zu  verkennen,  daß  die  Anwendung  des  biozentrischen
Verfahrens  zu  einer  gewissen  Einseitigkeit  führen  kann.  Gegen  die  “Übertreibung’
  der  unterrichtlichen  Behandlung  ökologischer  Fragen  sind  denn  auch  beachtenswerte
  Einwände  gemacht  worden:  Der  Unterricht  sei  nun  ebenso  einseitig,
  wie  er  es  früher  bei  der  ausschließlichen  Betonung  von  Morphologie
und  Systematik  war,  er  habe  zudem  an  Gründlichkeit  verloren,  was  er  an  Interesge
  gewonnen  habe,  die  Lehrer  übertreiben  die  Zwecksucherei,  und  die  Schüler
gewöhnen  sich  den  Naturerscheinungen  gegenüber  an  eine  Deutungssucht,  die
genauer  Naturbeobachtung  diametral  entgegenstehe  (vgl.  Kienitz-Gerloff,
Köhne  u.  a,  a.  a.  O.).  Es  wäre  ganz  verkehrt,  solche  Warnungen  als
bloße  Rückständigkeiten  beiseite  zu  schieben.  Ganz  ohne  Frage  bedarf  die  biozentrische
  Methode  der  steten  Kontrolle  genauer  Beobachtung.  Gerade  gegenüber
der  allbekannten  Neigung  zu  vorschneller  Verallgemeinerung  ist  die  stete  durch
Worte  und  Beispiel  gegebene  Mahnung  am  Platze,  ‘daß  solche  Erklärungen,  so
anziehend  und  einleuchtend  sie  sein  mögen,  nicht  ewige  Wahrheiten  sind,  sondern
Versuche,  die  wenigstens  z.  T.  sicher  nur  Zeitwert  besitzen.  —  Das  Grundlegende
muß  bleiben  die  Übung  im  festen  Erfassen  der  Form.  Wenn  aber
schon  gereiften  Forschern  durch  die  biologische  Betrachtungsweise  gelegentlich
  die  Augen  geschärft  worden  sind,  in  weit  höherem  Grade  ist  sie  für  die
Jugend  nötiger  und  wirksamer  Ansporn  zu  aufmerksamer  Untersuchung.’?)  —

1)  So  sagt  z.  B.  Löw  (Did.  12):  “Zoologie  und  Botanik  wollen  vor  allem  den  Zusammenhang
  zwischen  Form  und  Lebenstätigkeit  der  Organe  verdeutlichen’  und  nennt  die
biologische  Betrachtungsweise  den  roten  Faden,  der  zur  Aneinanderreihung  der  Einzelerscheinungen
  dargeboten  werde.

?)  Das  Zitet  stammt  aus  der  Einleitung  von  Schmidt-Landsberg,  Hilfs-  und
Übungsbuch  f.d.  zool.  Unterr.  Das  Buch  ist  dem  Andenken  Leuckarts  gewidmet,  der  zur
Verbreitung  der  vergleichenden  morphologisch-physiologischen  Betrachtungsweise  ungemein
viel  beigetragen  hat.  Ein  Wort  L.s  ist  auch  als  Motto  gewählt:  “Es  kommt  wohl  nur
darauf  an,  daß  man  nicht  fertig  zu  sein  sich  einbilde,  daß  man  nicht  zu  leicht  glaube,  alles

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