Der  Lehrgang.  503

DER  LEHRGANG.
A.  Unterstufe.

Wenn  es  sich  um  ein  Erfassen  des  Lebens  handelt,  scheint  es  beinahe  unerläßlich,
  mit  Einzelbeschreihungen  anzufangen.!)  Das  schreiben  denn  auch

alle  Lehrpläne  mit  Ausnahme  der  bayerischen  (8.  491  Anm.  5)  vor,  und  ein

nehme,  schon  Kirchhoff  in  seiner  Schulbotanik  (Halle  1865,  im  Buchhandel  vergriffen)
eingeschlagen.  Köstler  (Progr.  Naumburg  1884)  verlangt  eine  gründliche  Behandlung
des  Laub-  und  Nadelwaldes,  Löw  und  Löw-Adolph,  Pflanzenkunde  f.  d.  Unterr.
a.  höh.  Lehranstalten  (Breslau,  Hirt)  bringen  ‘Lebensbilder  a.  d.  heimischen  Pflanzenwelt’.
  Ähnlich  verfährt  neuerdings  Smalian  in  ‘Grundzüge  der  Pflanzenkunde’.  Leipzig
1903.  Vgl.  ferner  noch  Dankler,  Die  Pflanzen-  und  Tiergeographie  im  nat.  Unterr.  (Progr.
Stargard  1898  u.  1899),  Höck,  NS.  II  458,  Schwarze,  NS.  1193,  Krüger,  Progr.  Resch.
Görlitz  1904,  Matzdorff  (s.  S.  498  Anm.  2).  Auch  H.  Wagner  (in  Verworn,  Beiträge
z.  Frage  d.  naturw.  Unterr.  a.  d.  höh.  Schulen,  Jena  1904)  verlangt  einen  näheren  AnschlußB
  des  geographischen  Unterrichts  an  den  naturwissenschaftlichen.  Andere  dagegen,
wie  z.  B.  v.  Freyhold  und  Schullerus  (a.  a.  O0.)  möchten  die  Pflanzengeographie  ganz
sus  dem  Lehrplan  der  Botanik  verbannen.  Kienitz-Gerloff  (Meth.)  will  ihr  zwar  ‘“wirksam
  vorarbeiten,  sie  aber  nicht  in  den  eigentlichen  botanischen  Lehrstoff  aufnehmen’.  Es
liegt  hier  eben  eines  jener  Grenzgebiete  der  Wissenschaften  vor,  dessen  Behandlung  gar  zu
gerne  das  eine  Fach  dem  andern  zuschiebt,  dessen  unterrichtliche  Verwertung  uns  aber  in
beiden  beteiligten  Fächern  angemessen  erscheint.  In  Preußen  allerdings  hängt  es  lediglich
von  der  Persönlichkeit  des  Geographielehrers  ab,  ob  die  vielen  im  biologischen  Unterricht  angeknüpften
  Fäden  weitere  Verwendung  finden;  anders  inSachsen  und  Baden  (8.  S.  491  Anm.  5).

Einer  Verknüpfung  der  biologischen  mit  geographischer,  aber  auch  mit  exakt-naturwissenschaftlicher
  Belehrung  reden  die  neuen  pr.  Lenrpläne  an  mehreren  Stellen  das  Wort.
(S.  bes.  S.  65  u.  67  und  vgl.  dazu  MhS.  I  692,  11  274  und  III  127.)  Tatsächlich  kann  ‘nicht
die  Ökologie  und  noch  weniger  die  Physiologie  das  Eingehen  auf  physikalisch-chemische
Fragen  entbehren.  Der  Einwand,  das  gebe  zumal  auf  den  Unterklassen  einen  Unterricht
über  die  Köpfe  hinweg,  man  greife  damit  vor  und  lege  das  Interesse  für  die  Physik  lahm,
ist  in  beiden  Teilen  unberechtigt.  Denn  erstens  gelten  die  Fragen  des  Kindes  nach  dem
Warum  und  Wie  von  Anfang  an  ebensowohl  der  unbelebten  wie  der  belebten  Natur,
und  dieses  Interesse  ist  die  beste  Unterstützung  für  die  Kunst  des  Lehrers,  Erscheinungen
  der  Tier-  und  Pflanzenwelt  durch  Beispiele  und  durchsichtige  Versuche  auf  physikalische
  Tatsachen  zurückzuführen.  Zweitens  ist  es,  wie  neulich  Grimsehl  auf  der  13.  Vers.  d.
Vereins  f.  Förd.  d.  math.-naturw.  Unterr.  auseinundergesetzt  hat,  auch  dem  Physiker  erwünscht,
daB  das  Interesse  an  physikalischen  Erscheinungen  durch  den  Unterricht  wachgehalten
wird,  nicht  erst  wieder  durch  die  Aufschrift  “Physikalisches  Lehrzimmer’  künstlich  geweckt
werden  muß.  Der  früher  im  Schulleben  lebendige  Begriff  der  allgemeinen  Naturlehre
sollte  überhaupt  wieder  wirksamer  werden.  Die  Realschule  I.  Ordnung  in  Lippstadt  hatte
zur  Zeit  H.  Müllers  die  Konzentration  der  naturw.  Fächer  in  hohem  Grade  berücksichtigt.
(Vgl.  die  Progr.  1874  u.  bes.  1872.)  Der  Lehrplan  des  Königst.  Rg.-Berlin  (s.  Progr.  1894)
sah  gleichfalls  eine  “allgemeine  Naturlehre’  in  U  II  vor.

ı)  Früher  war  der  Beginn  des  Unterrichts  mit  einer  ‘Organologie’  beinahe  die  Regel,
was  nicht  verwundern  darf  angesichts  der  Überschätzung  der  Morphologie.  Auch  H.  Müller
(vgl.  Progr.  Lippstadt  1865)  begann  mit  einer  Formbeschreibung  der  Blätter  und  ging  erst
in  der  zweiten  Hälfte  des  ersten  Sommersemesters  zur  Beschreibung  ganzer  Pflanzen  über.
Ähnlich  machte  es  noch  1892  Bischoff  (Progr.  Rudolstadt  Gymn.  1892).  Kraepelin
sieht  in  seinem  Lehrbuch  (Leipzig,  Teubner)  von  einer  Beschreibung  einzelner  Pflanzen  als
Anfangsstufe  des  Unterrichts  ab  und  setzt  an  deren  Stelle  eine  durch  physiologische  und
biologische  Daten  erweiterte  Morphologie  der  Organe.  (Vgl.  auch  Kr.  in  Pfalz’  Zeitfr.  1877.)