Unterstufe.  Einzelbeschreibungen.  505

Der  für  VI  und  V  gebotene,  an  sich  sehr  schwierige  Lehrstoff  muß  genügend
  vereinfacht  und  durch  eigene  Arbeit  der  Schüler  bewältigt  werden,
um  eine  zuträgliche  Kost  zu  bilden.  Als  Ziel  dieser  Klassen  führen  die
pr.  Lpl.  (S.  61)  an:  ‘Die  Erkenntnis  der  Formen  und  Teile’  und  die  ‘eingehende
  Durchnahme  der  äußeren  Organe  der  Blütenpflanzen”  Dieser  Lehrstoff
  darf  natürlich  nicht  als  eine  Morphologie  alten  Stils  gegeben  werden.
Es  ist  vielmehr  ‘von  der  untersten  Stufe  an  die  Aufmerksamkeit  der  Schüler
auf  Lebenserscheinungen  und  Lebensbeziehungen  zu  richten’.  (Pr.  Lpl.  S.  65.)
Dazu  gehört,  daß  von  Anfang  an  das  Organ  als  Werkzeug  des  Lebens  gefaßt,
  sein  besonderer  Bau  als  den  Lebensbedingungen  angepaßt  erläutert  wird.
In  diesem  Sinne  bezeichnen  wir  als  botanische  Lehraufgabe  der  Unterstufe  eine
propädeutische  “allgemeine  Botanik’.')  Versteht  es  der  Lehrer,  das  Wesentliche
herauszugreifen,  den  Blick  von  vornherein  auf  den  Begriff  der  Entwickelung  zu
richten,  also  auch  schon  zu  Anfang  das  ‘Geschehen’,  nicht  nur  das  ‘Sein’  zu
zeigen,  so  wird  er  seine  nicht  leichte  Aufgabe  lösen.)  Der  nie  zu  verlassende
Weg  bleibt:  vom  konkreten  Anschauen  zur  ursächlichen  Erkenntnis;  das  Mittel
zu  allgemeinen  Begriffen  und  Urteilen  zu  kommen:  der  Vergleich.?)

Aus  der  Kontroverse  über  diese  Frage  in  NS.  I  96,  Il  446  und  498  ergab  sich,  daß  dieses
Verfahren  auch  sonst  angewandt  wird.  Ob  als  erstes  Tier  ein  Affe,  der  Hund  oder  Fuchs
gewählt  wird,  ist  wohl  von  geringerer  Bedeutung.

ı,  Kraepelin  gibt  eine  solche  allgemeine  Botanik  in  seinem  Lehrb.  (Leipzig)  S.  1—33;
in  Landsberg,  Lehr-  u.  Übungsb.  ist  sie  gesondert  (*Lehrbuch’)  auf  48  Seiten  dargestellt,
in  einigen  Teilen  allerdings  über  die  Bedürfnisse  der  unteren  Klassen  hinaus  erweitert
(s.  d.  Begleitwort).  Ähnlich  ist  der  erste  Abschnitt  von  v.  Becks  Grundriß  d.  Naturg.  d.
Pfanzenreiche.  Wien,  8.  1—18.  Löw  gibt  im  1.  Teil  eine  “Erläuterung  der  wichtigsten
Formbezeichnungen’.  In  Köhnes  Lehrb.  enthält  der  betreffende  Abschnitt  S.  7—88  auch
schon  die  Verbreitung  der  Blütenpflanzen.  Schmeil  verbindet  die  “allgemeine  Botanik’
mit  der  Lehre  vom  “Bau  und  Leben  der  Zalle’.  Smalian  gibt  sie  als  Anhang  des  1.  Teils
(8.  308—86).  Andere  Lehrbücher  (wie  z.  B.  das  von  Vogel  u.  Gen.)  sind  der  Verteilung
dieses  Lehrstoffes  auf  Anm.  u.  Erläuterungen  treu  geblieben,  geben  aber  ‘Übersichten’.

r,  Löw  (Meth.  Übungsb.  1.  Heft  8.  VIII)  betont  als  Schwierigkeit,  die  sich  einem
wabrhaft  biologischen  Unterricht  entgegenstellt,  daß  der  Anfänger  in  den  Organen  immer
nur  feste  abgeschlossene  Formen  sieht.  ‘Die  augenblickliche  Form  als  Resultat  eines
Entwickelungsprozesses  aufzufassen,  sie  als  einzelnes  (Glied  einer  unendlichen  Reihe
von  Verwandlungsvorgängen  genetisch  zu  begreifen,  dieser  Grundgedanke  der  heutigen
Naturwissenschaft,  liegt  allerdings  weit  von  den  Bahnen  der  volkstümlichen  Naturauffassung
ab.  Aber  gerade  darum  muß  der  jugendliche  Geist  schon  frühzeitig  mit  der  wirklichen
Beobachtung  von  Entwickelungsvorgängen  sich  vertraut  machen.’  Als  höchst  fruchtbar  für
diese  Unterrichtsarbeit  führt  Löw  den  Keimungsprozeß  und  die  Umbildung  des  Fruchtblattkreises
  zur  Frucht  an  ($$  90—97).  Ich  habe  auch  mit  Erfolg  einen  Bestäubungsversuch  in
VI  vorgenommen.

°,  Er  wäre  ganz  falsch,  wie  H.  Müller  schon  (Pr.  Lippstadt  1865)  auseinandersetzte,
das  zweite  Lübensche  Ziel,  das  sich  durch  das  Bedürfnis  ergibt,  Gleichartiges  zusammenzufassen
  und  zu  Begriffen  zu  verschmelzen,  von  der  Anfangsstufe  auszuschließen.  (Vgl.  auch
Wossidlo,  S.  494  Anm.  3.)  Der  Vergleich,  als  begriffsbildendes  Moment,  muß  vielmehr  schon
auf  der  untersten  Stufe  einsetzen,  sonst  würde  sich  der  Prozeß  der  Verschmelzung  des  Gleichartigen
  in  den  Schülerköpfen  von  selbst  und  oft  fehlerhaft  vollziehen.  Die  Begriffe  aber,  die
hier  gebildet  werden  sollen,  sind  solche  der  ‘allgemeinen  Biologie’  (s.  0.),  nicht  aystematische.