506  Lanpssera:  Biologie.

Das  Tier  tritt  der  kindlichen  Auffassung  viel  mehr  als  Individuum  entgegen,
  mit  dessen  Lebensführung  sich  schon  seine  spielende  Phantasie  im  vorschulpflichtigen
  Alter  beschäftigt  hat.  Daher  hat  in  der  Zoologie  die  Einzelbeschreibung
  noch  weit  größere  Rechte  als  in  der  Botanik.  Auch  ihr  Ziel  ist
nicht  dem  in  der  botanischen  Einzelbeschreibung  gesteckten  völlig  gleich;  während
  es  lautete:  “wie  lebt  die  Pflanze?’,  fragen  wir  jetzt:  “wie  steht  die  Summe
der  Lebensverrichtungen  bei  einem  bestimmten  Tier  (Fuchs,  Katze  usw.)  mit
Bau  und  Lebensbedingungen  in  Zusammenhang?’  Trotzdem  wäre  es  auch  in
der  Zoologie  nicht  angebracht,  das  allen  Lebenserscheinungen  der  Säuger  und
Vögel  Gemeinsame  ganz  aus  dem  Auge  zu  lassen.  Um  den  Begriff  der  Korrespondenz
  zwischen  Organbau  und  Funktion  scharf  aufzufussen,  ist  vielmehr  eine
allgemeine  Funktionenlehre  von  Anfang  an  ins  Auge  zu  fassen.')

Eine  zusammenhängende  Wiedergabe  der  Einzelbeschreibungen  von  Schülern
  der  VI  und  V  zu  verlangen,  ist  eine  übertriebene  Forderung.  Sie  würde  gelöst
  werden  nicht  im  freien  Nachschaffen  des  in  der  Stunde  Erarbeiteten,  sondern
  “im  engen  Anschluß’  an  den  Text  des  Lehrbuchs.  Eine  solche  Belastung
des  Wortgedächtnisses  entspricht  aber  weder  den  Grundsätzen  eines  wirklichen
Beobachtungsunterrichts,  noch  ist  sie  aus  allgemein  pädagogischen  Gründen
zu  rechtfertigen.)  —  Dagegen  muB  die  Kunst  des  Beschreibens  allmählich  erzogen
  werden.  Zusammenhängende  Beschreibungen  bilden  von  IV  an  zweckmäßige
  Themata  für  die  sog.  ‘kleinen  Arbeiten’,  wobei  man  aber  guttut,  die
Aufgabe  in  die  Form  einer  bestimmten,  eng  begrenzten  Frage  zu  kleiden,
um  Weitschweifigkeit  und  Abirren  vom  Thema  zu  vermeiden.?)

Einige  Fragen  der  Unterrichtspraxis  haben  zwar  für  jede  Stufe  Bedeutung,

1)  Schmidt-Landsberg  (Hilfs-  u.  Übungsb.  f.  d.  zool.  Unterr.  Leipzig  1901;  ähnlich
Kraß-Landois,  Der  Mensch  und  das  Tierreich.  Freiburg  i.  B.  12.  Aufl.  1899)  stellen
den  Abschnitt  “Unser  Körper’  an  die  Spitze  der  Zoologie,  Schmeil  eine  die  allgemeinen
Gesichtspunkte  ins  Auge  fassende  Beschreibung  der  Katze.  Matzdorff  (Tierkunde  für  d.
Unterr.  an  höh.  Lehranst.  Breslau  1903)  bringt  die  allgemeine  Funktionenlehre  sehr  ausführlich
  und  auf  die  'einzelnen  Klassenstufen  verteilt  unter  dem  Titel  “Erläuterungen
und  Zusammenfassungen’.  Sie  berücksichtigen:  I.  Allgemeines,  II.  Körperbedeckung,  Il.  Bewegung,
  IV.  Ernährung,  V.  Empfindung,  VI.  Fortpflanzung,  VII.  Verwandtschaft.  Im  2.  Teile
des  Buches  enthält  dieser  Abschnitt  eine  kurze  Beschreibung  des  menschlichen  Körpers,  im
5.  ist  unter  der  Überschrift  “Tierverbreitung’  der  gesamte  Lehrstoff  der  ersten  5  Teile  biozentrisch
  zusammengefaßt.  Die  systematischen  Lehrbücher  (Wossidlo,  Berlin;  Fickert-Kohlmeyer,
  Leipzig;  Öls,  Braunschweig;  Graber-Latzel,  Leipzig)  bringen  allgemeine  Einleitungen
  und  Gruppenzusammenfassungen.  Bail,  Leipzig,  hat  eine  3  Seiten  lange  “Einleitung,
Der  Mensch’;  Vogelu.  Gen.  bringen  such  in  der  Zoologie  das  Allgemeine  in  ‘Erläuterungen’.

»,  Vogel  (der  Verfasser  des  biologischen  Lehrplans  des  Königst.  Rg.,  Progr.  1894)
nennt  sie  geradezu  “sträflichen  Unfug’  und  verlangt  mit  ebenso  großer  Berechtigung,  daß
an  die  häusliche  Arbeitekraft  der  Schüler  nur  minimale  Anforderungen  gestellt  werden.

®)  ‘Aufgaben  des  zu  verstärkenden  deutschen  Unterrichts  der  unteren  Klassen’  veröffentlichte
  Völcker  (Pr.  d.  Rg.  Schönebeck  a/E.  1892);  ebenso  Schulte-Tigges  (Pr.  d.
Rg.  Barmen  1892).  Vgl.  im  übrigen  VD.:  Hannover  1895;  Schleswig-Holstein  1895;
gelegentlich  der  Behandlung  des  biologischen  Unterrichts:  Rheinprovinz  1898.  —  Schon
das  Pr.  Lippstadt  Rg.  1872  weist  auf  die  Notwendigkeit  hin,  den  deutschen  Aufsatz
suf  der  Mittelstufe  durch  “Facharbeiten’  nicht  nur  vorzubereiten,  sondern  sogar  zu  ersetzen,