616  Lunpssena:  Biologie.

meiner  Erfahrung  kann  schon  nach  der  Behandlung  von  zwei  Orthopteren  und
einem,  höchstens  zwei  Käfern,  wozu  die  Analyse  des  Flußkrebses  sich  schon  hier
gesellen  mag,  zur  Abgrenzung  der  Insektenklasse  geschritten  werden.  Auf  das
Anatomische  gehe  man  nur  so  weit  ein,  als  ein  den  Bedürfnissen  dieser  Stufe
entsprechend  vereinfachter  Vergleich  mit  dem  Krebs  und  mit  dem  Schema  des
Wirbeltiertypus  es  notwendig  macht.  Der  Vergleich  der  drei  oder  vier  beschriebenen
  Insekten  untereinander  bringt  dann  die  Ordnungsmerkmale  der
Geradflügler  und  Käfer.  Ob  man  nun  gleich  in  die  systematische  Durchnahme
  dieser  Ordnungen  eingehen  will,  ob  erst  noch  alle  oder  einige  Ordnungsdisgnosen
  erarbeiten,  mag  dahinstehen:  jedenfalls  sollte  die  Typenbehandlung  so  gehalten
  werden,  daß  Gruppenbildung  und  Gruppenbetrachtung  nicht  zu  weit  hinausgeschoben
  werden.  Die  Ordnungen,  bzw.  Unterordnungen  und  Familien  der  Insekten
stellen  biologische  Gruppen  mit  stark  ausgeprägten  Anpassungsmerkmalen  dar.
Wie  im  Bau  der  Mundanhänge  und  Beine  die  Lebensweise  deutlich  wird,  wie
die  Anhänge  des  Hinterleibs  verschiedenen  Verrichtungen  angepaßt  sind,  wie
die  Flügel  und  mit  ihnen  der  ganze  Körperbau  je  nach  der  Lebensaufgabe
der  Insekten  ganz  verschiedene  Gestalt  zeigen:  dies  alles  sind  Gesichtspunkte,
die  zwar  schon  bei  den  Einzelbeschreibungen,  besonders  wirksam  aber,  weil
durch  Reihenbetrachtung,  bei  der  Gruppenbehandlung  zur  Anwendung  kommen.
—  Es  ist  angebracht,  an  passenden  Stellen  des  Unterrichts  zusammenfassende
Wiederholungen  einzulegen,  die  (unter  Verwertung  der  Beobachtungen  des
Sommers)  Reihenbildung  nach  rein  “biologischen’  Gesichtspunkten  anstreben.')

Daß  bei  einer  so  gründlichen,  natürlich  nach  Maßgabe  der  vorhandenen
Zeit  abzuändernden  Durchnahme  der  Insekten  verhältnismäßig  wenig  Zeit  für
die  anderen  Arthropodenklassen  übrigbleibt,  ist  nicht  zu  verkennen.  Sie  können
unter  den  vorliegenden  Unterrichtsverhältnissen  im  wesentlichen  nur  zur  schärferen
  Abgrenzung  der  Insekten  verwandt  werden.  Daß  Krebse  und  Spinnentiere
sehr  wohl  einer  ebenso  fruchtbaren,  für  die  wissenschaftliche  Erkenntnis
würde  auch  durch  eine  gewisse  Eintönigkeit  ermüden  und  dem  Prinzip  der  Gruppenbildung,
das  in  unserem  Lehrgang  für  diese  Stufe  vorherrschend  ist,  widersprechen.

Eine  allgemeine  Einleitung  in  die  Insektenkunde  ist  allerdings  unentbehrlich.  Vogel
u.  Gen.,  Bail,  Schmeil,  Matzdorff  u.  a.  bringen  sie  bei  Gelegenheit  einer  Einzelbeschreibung
  (meist  des  Maikäfers),  Wossidlo,  Graber,  Kraepelin  allgemein  gehalten.  —
Für  eine  innige  Verbindung  von  Morphologie  und  Biologie  ist  außer  in  dem  Schmeilschen
jetzt  auch  in  der  Mehrzahl  der  anderen  Lehrbücher  eine  Grundlage  geschaffen.

!)  In  Betracht  kommen  in  erster  Linie  die  Blumeninsekten  in  ihrer  verschiedenen  Anpassung
  an  die  Blumen,  aber  auch  in  ihrer  Anähnelung  durch  die  ökologische  Anpassung,
die  Pflanzenfeinde  nach  Standort,  bzw.  Nährpflanze,  Art  des  Angriffs,  Schutzfärbung  und
anderen  Verteidigungsmitteln  gesondert;  Schmarotzer  und  Inquilinen,  Gallenerzeuger;  die
Raubinsekten,  die  Wasserinsekten.  —  Im  Rahmen  einer  solchen  Reihenbildung  sollte  auch
die  Familien-  und  Staatenbildung  und  die  damit  zusammenhängende  Ausbildung  sozialer
Instinkte  und  Ausprägung  verschiedener  Stände  behandelt  werden.  Hier  liefert  die  passendste
Grundlage  die  Ordnung  der  Hymenopteren,  wo  sich  beinahe  alle  Stufen  der  Stastenbildung
von  dem  einfachen  Nebeneinandernisten  bis  zum  wohlgegliederten  Staatenwesen  auffinden
lassen.  Vgl.  v.  Buttel-Reepen,  Die  stammesgeschichtliche  Entwickelung  des  Bienenstaates.

  Leipzig  1903;  dazu  auch  Wasmann,  Zur  Kontroverse  über  d.  psychischen  Fähigkeiten
  der  Tiere,  insbesondere  der  Ameisen  (NS.  III  20  usw.).