Insektenkunde.  Oberstufe.  517

teilweise  noch  fruchtbareren  Behandlung  fähig  wären,  kann  man  zugeben,  ohne
doch  in  Versuchung  zu  kommen,  diese  Erkenntnis  unterrichtlich  auf  Kosten
der  gründlichen  Behandlung  der  dem  Knaben  ‘näherstehenden’  Insekten  zu  verwerten.
  —  Bei  der  hier  skizzierten  Art  der  Behandlung  ordnet  sich  die  Insektenkunde
  natürlich  und  naturgemäß  in  die  Gruppenstufe  ein.

Die  Mittelstufe  verwendet  nach  dem  Obigen  neue  Gesichtspunkte  der
Betrachtung,  und  zwar  eine  Untersuchungsart,  die  ausgesprochene  Verwandtschaft
  mit  wissenschaftlichen  Methoden  hat  (Reihenbildung,  Beobachtung  von
Entwicklungsprozessen),  und  findet  eine  praktisch  wohl  durchführbare  Verbindung
  zwischen  den  verschiedenen  naturwissenschaftlichen  Disziplinen,  einschließlich
  der  Geographie.  Die  Ergebnisse  der  Anfangsstufe  werden  durchweg  verwertet,
  und  es  wird  durch  das  Überführen  der  dort  gewonnenen  Begriffe  in
übergeordnete,  allgemeine  den  Einzelerkentnissen  größere  Dauer  verliehen.  Die
Gruppenstufe  bildet  somit  einen  gewissen  vorläufigen  Abschluß!);  sie  bringt
aber  auch  eine  Fülle  von  Anknüpfungspunkten  für  die  Oberstufe.

©.  Die  Oberstufe.

In  der  Botanik  sind  Kryptogamen  und  Gymnospermen,  Anatomie  und
Physiologie  die  wesentlich  neuen  Darbietungen  der  Oberstufe;  in  der  Zoologie
die  Mehrzahl  der  niederen  Tierkreise  und  der  Anthropologiekursus  mit  der  Gesundheitslehre.
  Von  neuen  Pflanzentypen  müssen  mindestens  betrachtet  werden:
ein  Nadelholzgewächs,  zwei  Gefäßkryptogamen,  ein  Moos,  eine  Alge,  mehrere
Pilze.  Nimmt  man  dazu,  daß  man  kaum  umhin  kann,  einige  niedere  Tiere  den
Einzelbeschreibungen  des  Sommers  einzuordnen,  will  man  sich  nicht  bei  ihrer
Durchnahme  im  Winter  allen  Zufälligkeiten  aussetzen,  die  ihrer  Züchtung  im
Aquarium  entgegenwirken,  so  sieht  sich  jedenfalls  das  Gymnasium  vor  einer  solchen
Fülle  neuen  Stoffes  bei  einer  so  großen  Beschränkung  der  verfügbaren  Zeit,  daB
ein  Zweifel  an  der  Lösbarkeit  der  gesamten  Lehraufgabe  wohl  verständlich  ist.?)

Um  die  neue  Zielstellung,  das  Zusammenfassen  und  Überblicken,  bald  anwenden
  zu  können,  muß  alles  benutzt  werden,  was  auf  eine  Kürzung  des  Weges
der  Typenmethode  hinausläuft,  und  vor  allem,  was  die  frühzeitige  Gewinnung
großer  ordnender  Gesichtspunkte  ermöglicht.  Die  wissenschaftliche  Erkenntnis

1)  Da  ein  solcher  vorläufiger  Abschluß  sich  ungekünstelt  ergibt,  dürften  die  österreiohischen
  Lehrpläne  mit  ihrer  Trennung  der  Unter-  und  Oberstufe  den
rechten  Weg  eingeschlagen  haben.  Es  wird  in  letzter  Zeit  immer  wieder  der  Wunsch  ausgesprochen,
  daß  auch  die  deutschen  Unterrichtsverwaltungen  mit  Heraufschiebung  des  abschließenden
  biologischen  unter  gleichzeitiger  Herabschiebung  des  propädeutischen  Physikunterrichte
  bald  Versuche  machen  möchten.  (Vgl.  Kienitz-Gerloff,  Meth.  S.  99ff.  und
Bennecke  in  NS.  III  808,  vor  allem  aber  auch  Klein  in  der  Naturf.-Vers.  1904,  s.  NS.  III
620.)  Die  Unterrichtskommission  der  Naturf.-Vers.  hat  sich  allerdings  gegen  diese  Verschiebung
ausgesprochen.  (3.  NS.IV  529  u.  V  97.)  Sie  würde  aber  voraussichtlich  allen  beteiligten  Disziplinen
  und  der  allgemeinen  Naturerkenntnis  unserer  Zöglinge  zugute  kommen.  In  Preußen
bedeutet  den  Anfang  zu  einer  ähnlichen  Verschiebung  die  Bemerkung  der  Lehrpläne  über
den  Anthropologieunterricht.  (Lehrpl.  S.  66,  vgl.  diese  Ausführungen  $.  524.)

x)  Vgl.  hierzu  Kränzlin  in  Zeitschr.  f.  d.  Gymnasialwesen  1893,  8.  821ff.  und  meine
Erwiderung  in  Fleckeisens  Jb.  1894,  8.  100ff.  8.  aber  auch  die  obige  Anm.!