518  Lanpesera:  Biologie.

des  Baues  und  der  Lebensverrichtungen  der  einzelligen  Organismen  hat
nun  die  Lehre  von  der  Zelle  überhaupt  wesentlich  beeinflußt;  der  Begriff  der
Arbeitsteilung  und  des  Funktionswechsels  der  Zellen  und  damit  der  Grundzüge
der  Gewebelehre  und  der  Ernährungsphysiologie  kommen  bei  einer  aufsteigend
angeordneten  Behandlung  der  Kryptogamen  klar  zur  Auffassung;  auch  der  Begriff
der  Befruchtung  ergibt  sich  hierbei  schärfer,  als  man  ihn  in  der  Schule  an  den
Samenpflanzen  ableiten  kann.  Alle  diese  Punkte  sind  uns  ebenso  viele  Winke  für  die
Ausgestaltung  des  Lehrganges  überhaupt,  wie  besonders  der  Einzelbeschreibungen.')

Der  abschließende  Lehrgang  beginnt  hiernach  mit  einer  einleitenden,
  die  wesentlichen  Begriffe  schaffenden  Kryptogamenkunde  Es  empfiehlt
sich,  mit  einer  Fadenalge?)  anzufangen.  An  ihr  werden  die  Zellen  als  Elementarorganismen
  erkannt,  ihre  Fähigkeit,  sich  zu  ernähren,  zu  wachsen  und  sich
zu  vermehren  (Teilung)  festgestellt.  Einige  einzellige  Algen?)  werden  minı)

  Eine  Verknüpfung  des  Unterrichtestoffes  aus  der  Kryptogsmenkunde  mit  demjenigen
  aus  der  Pflanzenanatomie  und  -physiologie  empfehlen  neben  anderen  besonders
Köstler  Pr.  Naumburg  a.  3.  Domgymn.  1884,  8.  37)  und  Löw  (Did.  an  versch.  Orten).
Kienitz-Gerloff  wird  durch  das  historische  Prinzip  der  Stoffanordnung  dazu  geführt,
den  anatomisch-physiologischen  Lehrgang  als  selbständiges  Ganzes  abzugliedern
und  in  ihm  erst  spät  die  Zelle  als  das  gemeinsame  Elementarorgan  aller  pflanzlichen  Gebilde
  zu  demonstrieren.  In  der  an  den  Schluß  des  ganzen  Unterrichts  gestellten  Kryptogamenkunde
  entscheidet  er  sich  (wie  wir)  für  den  aufsteigenden  Lehrgang.  Eine  der
Hauptaufgaben  dieses  Kursus  ist  ihm  die  Erkenntnis  der  physiologischen  Verhältnisse  der
Fortpflanzung.  Sehr  beachtenswert  in  dieser  Beziehung  und  gegenüber  der  Ausdehnung
dieser  unterrichtlichen  Aufgabe  in  Köhnes  ‘Pflanzenkunde’  sind  aber  Kienitz-Gerloffs
weitere  Ausführungen  (Meth.  S.  275,  276):  Die  geschlechtliche  Zeugung  sei,  in  ihrer  einfachsten
  Form  als  Kopulation,  zuerst  an  Thallophyten  beobachtet  und  richtig  gedeutet;  erst
sehr  spät  sei  es  gelungen,  den  eigentlichen  Geschlechtsakt  bei  den  Blütenpflanzen  zu  entziffern.
  Daher  dürfte  es  wohl  ein  vergebliches  Beginnen  sein,  die  Schüler  zu  einer  richtigen
Auffassung  des  Generationswechsels  bei  diesen,  sowie  bei  Farnen  und  Moosen  zu  bringen
und  damit  die  Brücke  zwischen  Kryptogamen  und  Phanerogamen  zu  schlagen.  —  Auch  für
die  Erkenntnis  der  Stufenfolge  der  Ernährungsvorgänge  balte  ich  die  Kryptogamenkunde
für  unentbehrlich  (daher  nicht  an  den  Schluß,  sondern  an  den  Anfang  der  Oberstufe  gestellt)
  und  die  aufsteigend  angeordnete  sog.  genetische  Reihenfolge  der  Demonstrationsobjekte
  für  geeignet,  zum  untersuchenden  und  entwickelnden  Lehrververfahren  zu  führen.
Vgl.  dazu  auch  Verworn  (in  Beitr.  usw.  S.  11,  unten),  wo  allerdings  vorwiegend  vom
zoologisch-anthropologischen  Unterricht  die  Rede  ist.

7,  Vorzüglich  geeignet  sind  Spirogyrafäden,  die  in  stehenden  und  fließenden  Gewässern
leicht  als  größere  hellgrüne  Watten,  die  sich  schleimig  anfassen,  aufgefunden  werden.
Fruktifizierende  Spirogyra  erkennt  man  an  dem  krausen,  verworrenen  Aussehen,  das  die
hellgrünen  Filze  angenommen  haben.

°,  Von  einzelligen  Algen  sind  am  leichtesten  und  in  jedem  Gewässer  die  Diatomeen
aufzufinden,  Desmidiszeen  am  besten  in  Sphagnummooren,;  andere  Formen  (Gloeocapsa)
in  dem  gallertartigen  blaugrünen  Überzug  feuchter  Mauern.  —  Realanstalten  mögen
wohl  ein  größeres  Beobachtungsmaterial  von  Algen  nach  dem  Vorschlage  Ludwigs  (NS.
II  104)  verarbeiten.  An  Gymnasien  ist  das  ausgeschlossen,  auch  uicht  so  wichtig,  wie
die  Gewinnung  allgemeiner  physiologischer  Begriffe.  —  Zuweilen  kommt  Sporenbildung
oder  Kopulation  zur  Beobachtung;  dann  wird  man  natürlich  die  Gelegenheit  nicht  versäumen,
  schon  hier  auf  die  Vermehrungsverhältnisse  einzugehen;  sonst  bleibt  beim  abgekürzten
  Gymnasiellehrgang  die  Bildung  dieges  Begriffes  für  eine  spätere  Zeit.