Oberstufe.  Kryptogamenkursus.  519

destens  noch  vorgelegt,  bis  ganz  klar  die  Erkenntnis  herausgearbeitet  ist,  daß  die
Zelle  als  Einzelindividuum  lebensfühig  ist.  Der  Assimilationsvorgang  wird  an
der  Gasabscheidung  der  Algenfäden  und  durch  die  Stärkeprobe  beobachtet,  sein
Verlauf  im  einzelnen  an  dem  bekannten  Versuch  mit  Elodeastengeln  demonstriert.
  Das  Fehlen  des  Chlorophylis  bei  Bakterien!)  gibt  nun  die  Handhabe,
deren  saprophytische  Ernährungsart  von  der  assimilierenden  scharf  zu  scheiden.
Man  wird  aber  auch  die  ungesucht  sich  bietende  Gelegenheit  nicht  versäumen,
tierische  und  pflanzliche  Lebenserscheinungen  in  ihrer  Ähnlichkeit  und  Verschiedenheit
  zur  Anschauung  und  zum  Verständnis  zu  bringen.  Das  Fressen
der  Protozoen  kann  direkt  (wenn  nötig  mit  Anwendung  von  Farbekörnchen)
beobachtet  werden.  Wenigstens  ein  Infusor  und  ein  Rhizopod  kommen  zur
Beobachtung;  vielleicht  sogar  noch  Hydra  (schon  wegen  der  Symbiose  mit  einzelligen
  Algen).?)

Es  folgt  die  Beobschtung  der  Kultur  eines  Schimmelpilzes  auf  Brot  oder
Früchten,  und  die  Behandlung  der  Moose  und  Gefäßkryptogamen,  sowie  der
Gymnospermen.’)  Die  Begriffe,  die  an  diesem  Stoff  erarbeitet  werden,  sind
auf  dem  Gebiete  der  Ernährungsphysiologie:  die  allmähliche  Trennung  der  Ernährungsfunktionen
  und  ihre  Verteilung  auf  Wurzel,  Stengel  Blätter,  das  Auftreten
  und  die  Bedeutung  der  Gefäße;  auf  dem  Gebiet  der  Sexualphysiologie
die  Auffassung  der  Befruchtung  und  die  Trennung  der  Sporen-  von  den  Samenpflanzen.
  Daß  eine  wissenschaftlich  völlig  zutreffende  Auffassung  des  Generationswechsels
  auf  der  Schule  nicht  erreichbar  scheint,  ist  schon  (8.  518
Anm.1)  gesagt;  im  übrigen  hängt  der  Grad  der  Vertiefung  sehr  von  der  Lehrerindividualität
  und  der  verschiedenen  Reife  der  Schülergenerationen  ab.  Jedenfalls
ist  auch  auf  dem  Gymnasium  der  Vorkeim  eines  Farns  und  ein  Moosprotonema®)
  zu  demonstrieren.  In  den  blütenartigen  Gebilden  von  Polytrichum  sind
Antheridium  und  Archegonium  leicht  aufzufinden  und  den  Schülern  unter  dem
Namen  und  Begriff  staubbeutel-  und  fruchtknotenähnliche  Gebilde  nahe  zu

1)  Am  besten  ist  hier  geeignet  (wegen  der  Größe  des  Beobachtungsobjekte)  Cladothrix
dichotoms,  gemein  in  stehenden  und  fließenden  Gewässern,  die  durch  organische  Stoffe  verunreinigt
  sind.  Es  ergibt  sich  dabei  auch  die  Gelegenheit,  auf  die  ‘Selbstreinigung”  der
Gewässer  und  die  damit  im  Zusammenhang  stehenden  praktischen  Fragen  einzugehen.

9)  Zuweilen  ergibt  sich  die  Gelegenheit,  eine  Schwärmspore  der  Vaucheria  zu  entdecken;
  aber  auch  durch  die  Beobachtung  der  Protozoen  gelangt  —  und  das  ist  der  Hauptgewinn
  des  Hereinziehens  von  zoologischem  Beobachtungsmaterial  —  der  Schüler  hier  zu  der
Stufe  wissenschaftlicher  Erkenntnis,  wo  ihm  die  Grenze  zwischen  tierischem  und  pflanzlichem
Leben  verwischt  erscheint.  Man  erlebt  in  der  Klasse  eine  Wiedererweckung  der  Stimmung
jener  Zeit  der  Ungerschen  Entdeckung,  die  so  lebensvoll  durch  Ungers  Aufsatz  wiedergegeben
wird  (abgedruckt  in  Dannemanns  “Grdr.  einer  Gesch.  der  Naturw.  Leipzig  1896.  I  802).

s,  Äußere  Verhältnisse  zwingen  oft  dazu,  von  hier  aus  den  aufsteigenden  Lehrgang
mehr  oder  minder  abzuändern.  Das  schadet  aber  nicht  besonders  viel,  wenn  man  nur  die
Zielstellung  immer  wieder  von  den  ‘Schülern  erarbeiten  läßt.

*)  Das  Prothallium  eines  Farns  ist  leicht  aus  Gewächshäusern  zu  erlangen,  wenn  man
ee  nicht  durch  Aussaat  der  Sporen  erziehen  will.  Ein  Moosprotonema  findet  man  als  hellgrünen
  gespinstartigen  Überzug  auf  Blumentöpfen  oder  auch  im  Freien  auf  wenig  betretenem,
sonst  nicht  bewachsenem  Boden  und  kann  daran  leicht  die  hervorsprossenden  jungen  Moospflänzchen
  demonstrieren.