524  Lanpseene:  Biologie.

Dem  Gymnasium  steht  nach  den  preußischen  Lehrplänen  von  1901  ein
neuer  Weg  zur  Behandlung  des  Anthropologiekursus  offen.  In  “wesentlicher
Beschränkung  auf  das  Anatomische’  soll  er  gegebenen  Falles  in  einem  Vierteljahr
  der  O  III  erledigt  werden,  wofür  dann  als  Ersatz  ein  physiologischer  Kursus
in  einer  der  Oberklassen,  am  besten  in  I  eintreten  würde.  So  verlockend  dieser
Weg  ist,  so  große  Schwierigkeiten  stellen  sich  ihm  in  der  Praxis  entgegen.
Eine  Beschränkung  auf  das  Anatomische  darf  deshalb  nicht  eintreten,  weil  gerade
  die  innige  Verknüpfung  von  Morphologie  und  Physiologie,  hier  auch  mit
der  Gesundheitslehre,  den  Unterricht  belebt.  (Vgl.  besonders  v.  Freys  Ausführungen
  NS.  I  222.)  Doch  ist  es  angebracht,  Auge  und  Ohr  von  der  Betrachtung
  auf  O  III  auszuschließen,  eine  genauere  Behandlung  der  Hirnanatomie
zu  unterlassen  und  in  der  Ernährungsphysiologie  den  Chemismus  der  Vorgänge
  rein  propädeutisch  zu  behandeln.

“  Sollen  die  Hauptpunkte  zur  scharfen  Herausarbeitung  kommen,  so  ist  eine
Verteilung  des  Lehrstoffes  nach  den  Organsystemen  nicht  zweckmäßig.!)  Ich
befolge  seit  Jahren  einen  Weg,  bei  dem  physiologische  Fragen  in  den  Mittelpunkt
  der  Betrachtung  gestellt  werden.  Die  Physiologie  der  Bewegung
bietet  den  ersten  Mittelpunkt  des  unterrichtlichen  Interesses”)  Durch  die  Aufgaben
  des  Skeletts,  zu  stützen  und  zu  schützen,  wird  der  Blick  schon  hier  auf

schon  mehrfach  erwähnten  Lehrbücher,  besonders  Matzdorff,  bringen  viel  Gutes,  geben
aber  teilweise  (Graber)  in  Auswahl  und  Art  der  Behandlung  für  die  deutschen  Schulbedürfnisse
  zu  weit.  Als  Tafelwerk  sei  besonders  das  von  Pfurtscheller,  Wien,  empfohlen,
  für  den  Lehrer  R.  Hertwig,  Lehrbuch  der  Zoologie.  Jena,  7.  Aufl.,  1908.

1,  ‘Im  Vordergrunde  muß’,  bemerkt  Löw  (Did.  S.  78),  “der  Gedanke  stehen,  daß  die
gesundheitsmäßige  Erhaltung  unseres  Körpers  von  einer  näheren  Einsicht  in  dessen  Lebensgesetze
  abhängt.”  Auch  Merkel  und  Leubuscher  (Naturf.-Vers.  1904,  s.  NS.  III  523  u.
625)  betonen  den  hervorragenden  Wert  der  Gesundheitslehre.  Diese  sollte  aber  nicht  nur
im  Anthropologiekursus,  sondern  überall  da  angeknüpft  werden,  wo  sich  irgend  Gelegenheit
dazu  bietet.  Das  wird  um  so  häufiger  geschehen  können,  wenn  eine  kurze  Belehrung  über  Bau
und  Verrichtung  des  menschlichen  Körpers  schon  in  VI  od.  V  eingetreten  ist  (S.604  Anm.  2  u.  506).
Löws  Lehrgang  (Did.  765—80)  geht  im  großen  und  ganzen  nach  Art  der  topographischen
Anatomie  vor.  Mir  scheint  dadurch  innerlich  Zusammengehöriges  zu  weit  getrennt  zu  werden,
such  die  Anknüpfungen  an  die  früheren  Unterrichtsergebnisse  sich  nicht  unmittelbar  genug
zu  ergeben.  Diese  benutzt  recht  ausgiebig:  Lensch,  Der  Bau  des  menschlichen  Körpers,
Berlin,  Wiegandt  und  Grieben,  dessen  Leitfaden  auch  sonst  Beachtung  verdient.

7,  Vergleich  mit  den  Bewegungen  der  Tiere  schafft  den  Begriff  des  Gehens  und  zeigt
als  seine  morphologischen  Bedingungen  das  Gliedmaßenskelett  und  die  Gliedmaßenmuskeln
(Hebelwirkung!).  Wie  das  gesamte  Achsen-  und  Gliedmaßenskelett  je  nach  der  Bewegungsart
  besonders  gestaltet  ist,  ergibt  sich  wiederum  durch  Vergleich  (Wirbeltiertypus)  und  führt
zu  der  Frage,  wie  nun  die  dem  Menschen  allein  eigentümliche  Art  des  Gehens  (ebenso  die
Benutzung  der  Hand)  in  seinem  Skelettbau  und  in  der  Ausbildung  seiner  Muskulatur  bedingt
  ist.  Der  Begriff  der  Arbeit  des  Muskels  tritt  je  mehr  und  mehr  in  den  Vordergrund;
die  Kontraktilität,  schon  bekannt  als  allgemeine  Eigenschaft  des  Protoplasmas,  erscheint
im  höchsten  Grade  ihrer  Ausbildung  als  gebunden  an  die  Querstreifung  des  Gliedmaßenmuskels.
  Das  Verhältnis  von  Reiz  und  Bewegung  wird  durch  den  bekannten  Versuch  mit
frischen,  enthäuteten  Froschschenkeln  klargelegt.  Eine  glatte  Muskelfaser  wird  schon  hier
demonstriert,  die  Besprechung  der  unwillkürlichen  Bewegungen  aber  für  diejenigen  Organsysteme
  zurückgestellt,  für  deren  Funktionen  sie  Bedeutung  haben.