Oberstufe:  Anthropologie.  527

liche  Organismus  als  ein  Zellenstaat,  dessen  einzelne  Gruppen  bestimmten  Funktionen
  im  Dienste  des  Ganzen  angepaßt  sind.!)  Eine  gründlichere  Behandlung
konnte  nur  das  Nervensystem  erfahren.  Dieses  herauszugreifen,  erschien  gerechtfertigt
  dadurch,  daß  erst  dem  Primaner  aus  der  obigen  Darstellung  mit
einer  gewissen  Notwendigkeit  die  Frage  erwächst,  wie  denn  diese  Vielheit  zu
einem  einheitlichen  Organismus  werde  Mit  ganz  anderem  Verständnis,  als  es
in  den  Mittelklassen  möglich  ist,  verfolgt  er  die  Funktion  des  Nervensystems
von  der  Stufe  der  bloßen  Reizübertragung  bis  zu  der  der  immer  weitergehenden
Zentralisierung.  Wenn  auch  nur  bis  an  die  Probleme  der  modernen  Nervenund
  Hirnphysiologie  die  Schüler  herangeführt  wurden,  so  ergab  sich  doch  schon
Gelegenheit,  hygienische  Belehrungen  gemeinsam  zu  erarbeiten,  wie  sie  gerade
diesem  Alter  erst  verständlich  und  zuträglich  sind.

Der  Behandlung  der  Psychologie  arbeitet  ein  solcher  Kursus  vor.  Denn
mit  der  Bedeutung  der  einzelnen  Nervenzentren,  mit  der  Vermittelung  unseres
Wissens  über  Reiz  und  Erregung,  mit  der  Behandlung  einzelner  wichtiger  geordneter
  Reflexe,  endlich  mit  der  Sinnesphysiologie,  wie  sie  besonders  die  Behandlung
  von  Auge  und  Ohr  notwendig  macht,  schafft  er  die  Grundlagen,  auf
der  die  empirische  Psychologie  weiterbauen  kann.  Auch  auf  deszendenztheoretische
Fragen  einzugehen,  gibt  dieser  Lehrgang  öfters  Gelegenheit.  Daß  das  wünschenswert
  ist,  ıst  in  letzter  Zeit  von  sehr  verschiedener  Seite  betont  worden.  So
werden  also  tatsächlich  die  biologischen  Tatsachen  übermittelt,  deren  Benutzung
die  Philosophie  nicht  entraten  kann.

!)  Die  Funktion  der  Fortpflanzung  und  das  Problem  der  sexuellen  Vermehrung  wurde
nur  an  niederen  Tierformen  vorgeführt.  Diese  Darstellung  erregte  tiefes  und  ermstes  Interesse.
  —  Die  Frage  nach  der  Notwendigkeit  und  der  rechten  Zeit  und  Art  sexueller  Belehrungen
  befindet  sich  im  Stadium  der  Vorberatung  (vgl.  NS.  vom  IV.  Bd.  an),  wenn  man  auch
noch  immer  dazu  neigt,  sie  dem  Elternhause  zuzuweisen.  (Vgl.  dazu  Nellie,  Mutter  und
Kind,  Gießen  1904,  und  besonders  Siebert,  Ein  Buch  für  Eltern,  München  1905.)  Jedenfalle
  muß  der  Schulunterricht  schon  im  Hinblick  auf  die  verschiedene  Reife  und  Aufklärung
der  Schüler  sehr  vorsichtig  vorgehen.  Einiges  über  den  Befruchtungsvorgang  der  Pflanzen
und  niederen  Tiere  gehört  selbstverständlich  (s.  0.)  ohne  weiteres  zum  biologischen  Lehrstoff
und  ist  wohl  auch  für  die  Mehrzahl  genügend.  Es  wirkt  rein,  weil  es  nicht  tendenziös
zurechtgestutzt  ist,  sondern  die  Frage  in  das  Licht  wissenschaftlicher  Behandlung  rückt.
Ob  und  wieweit  darüber  hinauszugehen,  ob  und  wieweit  erzieherisch  einzuwirken  ist
(Cauer  MhS.  IV,  318),  wird  in  jedem  einzelnen  Falle  Frage  des  pädagogischen  Taktes  sein.
Fins  aber  ist  nicht  zu  vergessen:  Wissen  allein  macht  nicht  weise.  Hier  gerade,  wo  der
ganze  Mensch  mit  all  seinen  Naturanlagen  und  mit  seiner  ganzen  erworbenen  Gefühls-  und
Denkrichtung  zum  Durchbruch  kommt,  können  Erkenntnis  und  Worte  nicht  alles,  nicht  einmal
  viel  wirken.  Ist  also  die  Bewahrung  der  Jugend  vor  geschlechtlichen  Verirrungen
und  Vergehungen  Aufgabe  der  Schulerziehung,  so  doch  die  des  gesamten  Unterrichts,
nicht  zum  wenigsten  die  der  körperlichen  Erziehung.  Die  tiefe  Empfindung  von  der
Heiligkeit  des  Zusammenhengs  der  Generationen,  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit  der
lebenden  Geschlechter  vor  den  kommenden  blüht  erst  aus  der  gereiften  sittlichen  Persönlichkeit
  hervor.  Ihre  Entwicklung  anzubahnen,  ist  Aufgabe  des  erziehenden  Unterrichts,
schaffen  kann  sie  nur  das  Leben.