528  GensszuL:  Der  Unterricht  in  Physik.

DER  UNTERRICHT  IN  PHYSIK.
Von  Prof.  E.  GRIMSEHL.

GESCHICHTLICHE  ENTWICKLUNG.!)

Die  Physik  tritt  als  Unterrichtsfach  nachweislich  zuerst  am  Ende  des
16.  Jahrhunderts  auf,  wo  Michael  Neander  an  der  Ilfelder  Schule  seinem
Unterricht  ein  von  ihm  selbst  verfaßtes  Handbuch  der  Physik  (1583)  zugrunde
legte.  Die  Wende  des  16.  Jahrhunderts  bildet  die  Wende  der  physikalischen
Forschung,  indem  Galilei  erkannte,  daß  die  seit  Aristoteles’  Zeiten  geübte
rein  spekulative  Methode  der  Naturforschung  zu  keiner  wahren  Naturerkenntnis
führen  kann,  sondern  daß  die  sorgfältige  Beobachtung  der  Naturerscheinungen
der  deduktiven  Entwicklung  der  Naturgesetze  vorausgehen  muß.  Fast  gleichzeitig
  mit  Galilei  stellte  Baco  von  Verulam  die  Forderung  nach  induktiver
Erforschung  der  Natur  auf  und  entwickelte  die  philosophischen  Grundlagen  der
neuen  Forschungsmethode,  die  bald  durch  ihre  Erfolge  und  Entdeckungen  den
besten  Beweis  für  ihre  Überlegenheit  brachte.  Durch  die  Schriften  Bacos
angeregt,  erhob  schon  zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  Johann  Amos  Comenius
  seine  Stimme  dafür,  daß  man  bestrebt  sein  müsse,  an  den  höheren
Schulen  an  Stelle  des  bloß  verbalen  Wissens  das  durch  die  Behandlung  der
Naturerscheinungen  selbst  vermittelte  Wissen  zu  setzen.  In  seinem  Lehrbuch
der  Physik  (1633)  stellte  er  den  von  ihm  behandelten  Lehrstoff  zusammen.  Da
dieses  Lehrbuch  nicht  Schritt  hielt  mit  den  Fortschritten  der  physikalischen
Wissenschaft,  so  fand  es  keine  Verbreitung,  aber  seine  Forderung,  daß  die
Realien  beim  Unterricht  berücksichtigt  werden  müßten,  fand  doch  hier  und
dort  Widerhall.  Die  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  vielfach  gegründeten
Ritterakademien  zur  standesgemäßen  Erziehung  der  adeligen  Jugend  hatten  die
Reslien  als  ständiges  Unterrichtsfach  aufgenommen.  Hierfür  scheint  auch  der
Einfluß  von  Leibniz  maßgebend  gewesen  zu  sein,  der  die  Pflege  der  Realien

1)  Bei  der  Ausarbeitung  dieses  Kapitels  sind  benutzt:  F.  Pahl,  Die  Entwickelung  des
physikalischen  Unterrichts  an  unseren  höheren  Schulen.  Wissensch.  Beilage  z.  Jahresb.  d.
Städt.  Realgymn.  z.  Charlottenburg.  Teil  I,  Ostern  1902;  Pr.  Nr.  112a.  Teil  II,  Ostern
1904;  Pr.  Nr.  111.  —  W.  Lexis,  Die  Reform  des  höheren  Schulwesens  in  Preußen.  Halle
a.  8.  1902.  8.  265ff.  —  L.  Wieses  Sammlung  der  Verordnungen  und  Gesetze  für  die
höheren  Schulen  in  Preußen.  —  Baumeister,  Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre
  für  höhere  Schulen.  München  1897.  Bd.I,  2.  Abt.  —  W.  Lexis,  Das  Unterrichtswesen
  im  Deutschen  Reich.  Berlin  1904.  Bd.  I.