Geschichtliche  Entwickelung.  629

dringend  empfahl.  Die  Mechanik  und  die  Optik  zählte  Leibniz  zu  den  mathematischen
  Wissenschaften.

Wenn  in  den  übrigen  höheren  Schulen  des  17.  Jahrhunderts  das  Wort
‘Physik’  in  den  Schulordnungen  nicht  genannt  wird,  so  ist  das  doch  kein  Beweis
  dafür,  daß  diese  Wissenschaft  nicht  getrieben  wurde.  Vielmehr  ist  sicher,
daß  am  Hamburger  Johanneum  unter  Jungius  1629—1657  der  Mathematikprofessor
  Adolf  Tasse  die  Statik  und  die  Optik  als  angewandte  Mathematik
eifrig  lehrte,  wie  aus  seinem  “Compendium  der  Mathematik’  (1673  herausgegeben)
  hervorgeht.  Auch  am  St.  Ägidiengymnasium  zu  Nürnberg  wurde
von  Sturm  Optik  und  Astronomie,  letztere  unter  Berücksichtigung  der  Kalenderberechnung,
  als  angewandte  Mathematik  gelehrt.  Eine  weitere  Förderung  erfuhr
  unser  Unterrichtsfach  durch  August  Hermann  Francke,  den  Gründer
des  Hallischen  Waisenhauses  und  Pädagogiums.  Der  Unterricht  bestand  zum
großen  Teil  aus  praktischen  Übungen,  wie  denn  auch  die  praktische  Seite  des
Physikunterrichts  als  Motiv  für  denselben  vielfach  genannt  wird.  Die  in  den
praktischen  Übungen  ausgeführten  Arbeiten  an  der  Drehbank,  die  Papparbeiten
und  das  Schleifen  von  Linsen  sind  wohl  mehr  dem  jetzigen  Handfertigkeitsunterricht
  an  die  Seite  zu  stellen,  als  unseren  modernen  physikalischen  Schülerübungen.
  Ein  weiteres  Motiv  für  die  Berücksichtigung  der  Realien  im  Unterricht
  lag  für  die  Pietisten  in  der  Überzeugung,  “daß  die  Erkenntnis  der  Natur
den  Menschen  am  besten  von  der  Existenz  und  der  Macht  göttlichen  Wesens
überzeugen  würde’.  Da  das  Franckesche  Pädagogium  für  reale  Gymnasien  vorbildlich
  wurde,  so  fand  auch  die  Physik  an  vielen  dieser  Schulen,  wenn  auch
nur  in  der  obersten  Klasse,  Eingang.

Im  Jahre  1706  gründete  Semler  in  Halle  die  erste  ‘mathematische,  chemische
  und  ökonomische  Realschule’,  welcher  1747  die  von  Hecker  gegründete
erste  Berliner  Realschule  folgte,  wo  Hähn  als  Inspektor  und  als  Professor  der
exakten  Wissenschaften  wirkte.  Letzterer  hatte  schon  in  der  Schule  zu  Kloster
Bergen  Physik  gelehrt.  Hähns  Nachfolger  zu  Kloster  Bergen  wurde  Silberschlag,
  der  in  seinem  Buche  ‘Kloster  Bergische  Versuche’  (1768)  über  seine
Tätigkeit  als  Physiklehrer  Bericht  erstattet.  Der  Unterricht  erstreckte  sich  auf
Mechanik,  Wärmelehre,  Optik  und  Astronomie.  Die  in  diesem  Buche  mehrfach
  ausgesprochene  Warnung  vor  physikalischen  Spielereien  war  gewiß  zu
jener  Zeit  ebenso  berechtigt,  wie  sie  es  noch  heute  ist,

Silberschlag  wurde  nach  Heckers  Tode  Leiter  der  Berliner  Realschule.
Die  Anerkennung,  welche  König  Friedrich  Wilhelm  IL  der  Tätigkeit  Silberschlags
  zollte,  indem  er  ‘den  unermüdlichen  Eifer,  den  Unterricht  in  der  Physik
und  Mathematik,  diesen  vorzüglichen  Zweigen  der  menschlichen  allgemeinnützigen
  Kenntnisse,  immer  mehr  zu  erleichtern  und  zu  vervollkommnen’  mehrfach
  lobte,  spornte  auch  andere  Schulleiter  zur  Einführung  des  physikalischen
Unterrichts  an.  Von  wichtigem  Einflusse  war  auch  das  Bestreben  der  Philanthropisten,
  die  Erziehung  des  Kindes,  nach  Rousseaus  Forderung,  auf  die  Natur
zurückzuführen.  Basedow  veröffentlichte  in  seinem  Elementarwerk  einen  vollständigen
  Lehrgang  der  Physik.

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  84