536  Gersszau:  Der  Unterricht  in  Physik.

Die  preußischen  Lehrpläne  erkennen  die  Schwierigkeit,  mit  der  der  physikalische
  Unterricht  zu  kämpfen  hat,  in  den  methodischen  Bemerkungen  mit
folgenden  Worten  an:  ‘Bei  der  gewaltigen  Fülle  des  Stoffes  auf  allen  Gebieten
und  der  besonders  auf  Gymnasien  verhältnismäßig  geringen  Anzahl  der  dafür
verfügbaren  Lehrstunden  ist  auf  eine  angemessene  Auswahl  die  größte  Sorgfalt
zu  verwenden.  Das  Bestreben  des  Lehrers  wird  vor  allen  Dingen  dahin  zu
richten  sein,  daß  die  Schüler  zu  eigenem  Beobachten  und  selbständigem  Denken
angeleitet  werden,  jede  Überlastung  mit  gedächtnismäßig  anzueignendem  Lehrstoff
  aber  vermieden  wird”  In  der  Tat  befindet  sich  der  physikalische  Unterricht
  in  einer  überaus  schwierigen  Lage.  ‘Dieselbe  resultiert  zunächst  aus  dem
immer  rascher  werdenden  Fortschreiten  der  Wissenschaft  selbst.  Jedes  Jahr
bringt  neue  Entdeckungen  nach  praktischer  wie  auch  theoretischer  Seite,  welche
zu  ignorieren  unmöglich  ist.  Ich  nenne  nur  elektrische  Kraftübertragung,
Röntgenstrahlen,  Radioaktivität.  Wollten  Sie  von  diesen  Dingen  in  der  Schule
schweigen,  die  Schüler  selbst  würden  mit  unbequemen  Fragen  an  Sie  herantreten!)
  Die  durch  die  preußischen  Lehrpläne  vorgeschriebene  “angemessene
Auswahl’,  mit  anderen  Worten  Einschränkung,  zwingt  zu  einem  Fortlassen  einer
großen  Zahl  von  Unterrichtsgebieten,  die  früher  regelmäßig  behandelt  werden
konnten,  doch  ist  man  schon  jetzt  auf  dem  Standpunkt  angekommen,  daß  eine  weitere
Einschränkung  unausführbar  ist.  Die  “allgemeinen  Eigenschaften  der  Körper’
sind  ohne  Schaden  für  den  physikalischen  Unterricht  verschwunden.  Die  Lehre
von  den  einfachen  Maschinen  kann  durch  die  Lehre  von  der  mechanischen
Kraftübertragung  ersetzt  werden,  indem  besonders  auf  die  Deformationen  des  die
Kraftübertragung  vermittelnden  Körpers  mehr  Gewicht  gelegt  wird,  als  es  bisher
  geschah.  Wenn  das  Energieprinzip  schon  auf  der  Unterstufe  in  genügender
Weise  entwickelt  wird,?)  so  gewinnt  dadurch  der  Unterricht  auf  der  Unterstufe
an  bildendem  Wert,  während  er  zugleich  dem  Unterricht  auf  der  Oberstufe
gründlich  vorbaut.

Die  durch  die  Lehrpläne  vorgeschriebene  und  wohl  ausnahmslos  von  den
Fachlehrern  als  richtig  anerkannte  experimentelle  Behandlung  der  Physik  auf
der  Unterstufe  sollte  sich,  mehr  als  es  bisher  geschieht,  mit  Maß  und  Zahl  beschäftigen.
  Es  soll  hierdurch  natürlich  nicht  einem  zu  starken  Eindringen  des  mathematischen
  Elements  in  den  physikalischen  Unterricht  das  Wort  geredet  werden.

Für  die  Oberstufe  sollte  man  sich  von  der  Einteilung  der  Physik  in  die
einzelnen  Teilgebiete  Mechanik,  Akustik,  Optik  usw.  freimachen  und  die  die  einzelnen
  Gebiete  verbindenden  Begriffe  und  Gesetze  als  Einteilungsprinzip  des
Unterrichtsstoffes  zugrunde  legen.  Das  Energieprinzip,  der  lonenbegriff,  das

ı)  Diese  Worte  sind  den  “Bemerkungen  zum  mathematischen  und  physikalischen
Unterricht’  von  F.  Klein  entnommen,  welche  er  bei  der  Breslauer  Naturforscherversammlung
  1904  gelegentlich  der  Besprechung  über  den  naturwissenschaftlichen  und  mathematischen
  Unterricht  an  den  höheren  Schulen  entwickelt  hat.

#)  Beiträge  zur  Frage  des  Unterrichts  in  Astronomie  und  Physik  an  höheren  Schulen,
herausgegeben  von  E.  Riecke,  Leipzig,  B.  G.  Teubner  1904.  —  O.  Behrendsen,  Über
einige  den  Unterricht  in  Chemie  und  Physik  an  höheren  Schulen  betreffende  Fragen,  8.  118  ff.