Physikalische  Schülerübungen.  537

C.G.8.-System  mögen  Themats  sein,  die  auf  der  Oberstufe  (gründlich  behandelt
  und  für  alle  einzelnen  Teilgebiete  durchgeführt)  eine  fruchtbarere  Anordnung
  des  Lehrstoffes  ermöglichen  als  die  altgebräuchliche  Einteilung.!)

Betreffs  der  Didaktik  und  Methodik  des  physikalischen  Unterrichts
sei  hingewiesen  auf  J.  KießBling,  ‘Physik’  in  Baumeisters  ‘Handbuch  der  Erziebungs-
  und  Unterrichtslehre  für  höhere  Schulen’  Bd.  II,  2,  X  (München  1898)
und  H.  Keferstein,  ‘Physik  an  höheren  Schulen’  in  W.  Reins  ‘Enzyklopädischem
  Handbuch  der  Pädagogik’  (Langensalza  1898)  und  Karl  Kollbach,
“Naturwissenschaft  und  Schule’  (Köln  a.  Rh.  1894),  Seite  131/147  u.  229/269.
Es  erscheint  überflüssig,  die  an  genannten  Stellen  gemachten  Ausführungen,
die  auch  heute  noch  Gültigkeit  haben,  zu  wiederholen.  Daher  mögen  nur
einige  ergänzende  Bemerkungen  gemacht  werden.

In  betreff  der  Stellung  der  Mathematik  zum  und  im  physikalischen  Unterricht
  läßt  sich  der  gegenwärtige  Standpunkt  am  besten  dadurch  kennzeichnen,
daß  man  der  Mathematik  die  Rolle  einer  wichtigen  und  notwendigen  Hilfswissenschaft
  zuweis.e  Die  mathematischen  Ableitungen  dürfen  niemals  den
physikalischen  Vorgang  verschleiern;  sie  haben  in  erster  Linie  den  Zweck,  das
durch  Versuche  sich  ergebende  Tatsachenmaterial  zu  ordnen  und  dem  sich
hieraus  auf  induktivem  Wege  ergebenden  Naturgesetze  eine  möglichst  präzise
Fassung  zu  geben.  Die  aus  Hypothesen  auf  mathematischem  Wege  deduktiv
gewonnenen  Schlußfolgerungen  müssen  durch  den  Versuch  auf  ihre  physikalische
Richtigkeit  geprüft  werden.  Die  Lösung  schwieriger  mathematischer  Aufgaben,
die  nur  ein  physikalisches  Gewand  haben,  die  also  im  wesentlichen  mathematische
  Umformungen  physikalischer  Formeln  sind,  ist  der  mathematischen
Stunde  zuzuweisen,  während  solche  Aufgaben,  die  sich  unmittelbar  aus  einem
physikalischen  Versuch  ergeben,  auch  im  Physikunterricht  zu  behandeln  sind.
Diese  Aufgaben  erfordern  erfahrungsgemäß  zu  ihrer  Lösung  einen  nur  geringen
Zeitaufwand,  sie  sind  stets  frei  von  mathematischen  Spitzfindigkeiten.

Im  Vordergrunde  des  Interesses  in  der  Entwicklung  des  physikalischen
Unterrichts  steht  die  Frage  der  physikalischen  Schülerübungen.  Daher  mag
dieses  Thema  etwas  ausführlicher  behandelt  werden.  In  richtiger  Erkenntnis
dessen,  daß  der  Schulphysik  die  Aufgabe  zufällt,  die  Naturerscheinungen  zu
beobachten,  zu  beschreiben  und  zu  erklären,  stellte  1890  zuerst  B.  Schwalbe?)
die  Forderung  auf,  daß  die  Schule  ihren  Zöglingen  Gelegenheit  geben  soll,
durch  eigene  praktische  Ausführung  von  physikalischen  Experimenten  die  Beobachtungsfähigkeit
  gründlicher  auszubilden,  als  es  durch  den  theoretischen
Vortragsunterricht  des  Lehrers  möglich  ist,  auch  dann,  wenn  der  Vortrag  des

1)  48.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu  Hamburg  1906:  E.  Grimsehl,
  Die  Ziele  und  Methoden  des  physikalischen  Unterrichts  auf  der  Unterstufe  und  auf
der  Oberstufe.

”,  Vortrag  von  B.  Schwalbe  auf  der  63.  Versammlung  deutscher  Naturforscher  und
Ärzte  in  Bremen  1890:  “Über  die  Möglichkeit  der  Einrichtung  eines  physikalisch-praktischen
  Unterrichts  an  höheren  Schulen’.  Siehe  Auszug  in  ZPChU.  IV,  209.