542  Gaisseut:  Der  Unterricht  in  Physik.

in  geringem  Maße.  Im  Jahre  1901  richtete  W.  Kaufmann,  unterstützt  von
W.  Voigt  und  E.  Riecke  und  nach  Bewilligung  einiger  Geldmittel  durch  das
Unterrichtsministerium,  einen  Kursus  für  physikalische  Handfertigkeit  ein,  der
die  Schulamtskandidaten  schon  auf  der  Hochschule  mit  der  Anfertigung,  Instandhaltung
  und  Handhabung  physikalischer  Unterrichtsapparate  vertraut
machen  soll.  Seit  1903  werden  diese  Kurse  von  E.  Bose!)  geleitet.  Daß  diese
Kurse  von  großem  Werte  sind,  braucht  hier  nicht  besonders  begründet  zu  werden.

Die  praktische  experimentelle  Ausbildung  der  Schulamtskandidaten  während
ihres  Anleitungs-  und  Seminarjahres  bedarf  noch  einer  durchgreifenden  Regelung.
  Zwar  sind  auch  hier  gute  Anfänge  gemacht;  so  berichtet  schon  Noack
1890  über  die  praktische  Ausbildung  im  pädagogischen  Seminar  in  Gießen
(ZPChU.  III  103).  In  Berlin  sind  praktische  Kurse  nach  den  Vorschlägen  von
B.  Schwalbe  (ZPChU.  XII  329)  für  Schulamtskandidaten  seit  1899  eingerichtet,
die  jetzt  von  H.  Hahn  geleitet  werden.  Auch  in  Frankfurt  a.  M.  werden  die
Schulamtskandidaten  zu  praktischen  Übungen,  welche  unter  Leitung  von
P.  Bode  stehen,  angehalten.  Hoffentlich  wird  bald  allen  deutschen  Schulamteskandidaten
  die  Möglichkeit  dazu  geboten,  sich  experimentell  praktisch  auszubilden;
  besser  noch  wäre  es,  wenn  die  experimentelle  Ausbildung  der  Kandidaten
während  des  Anleitungs-  und  Probejahres  von  den  Schulbehörden  als  notwendig
gefordert  würde.

Nach  Fertigstellung  des  Manuskripts  zu  vorstehenden  Seiten,  also  während
die  vorliegende  Ausarbeitung  im  Druck  befindlich  war,  hat  die  mathematischnaturwissenschaftliche
  Unterrichtsbewegung  durch  das  Vorgehen  der  Gesellschaft
deutscher  Naturforscher  und  Ärzte  einen  erneuten  und  kräftigen  Anstoß  erhalten,
über  den  noch  kurz  berichtet  werden  muß,  soweit  der  physikalische  Unterricht
  davon  berührt  worden  ist.

Auf  der  Hamburger  Naturforscherverrammlung  im  Jahre  1901  wurde  die
sog.  biologische  Bewegung  eingeleitet,  welche  zum  Ziele  hat,  die  biologischen
Wissenschaften  wie  vor  1879  in  den  Unterricht  der  Oberklassen  wieder  einzuführen.
  Auf  der  Kasseler  Versammlung  im  Jahre  1903  wurde  auf  Anregung
von  F.  Klein  beschlossen:  ‘Die  Gesellschaft  deutscher  Naturforscher  und  Ärzte
nimmt  die  Hamburger  Thesen  des  Komitees  zur  Förderung  des  biologischen
Unterrichts  an  höheren  Schulen  einstimmig  an,  indem  sie  sich  vorbehält,  die
Gesamtheit  der  Fragen  des  mathematisch-naturwissenschaftlichen  Unterrichts  bei
nächster  Gelegenheit  zum  (Gegenstand  einer  umfassenden  Unterhandlung  zu
machen.’  In  Verfolg  dieses  Beschlusses  wurde  auf  der  Breslauer  Versammlung
im  Jahre  1904  eine  zwölfgliedrige  Kommission  erwählt,  die  mit  der  Aufgabe
betraut  wurde,  einer  späteren  Versammlung  abgeglichene  Vorschläge  für  den
mathematisch-naturwissenschaftlichen  Unterricht  zu  möglichst  allseitiger  Annahme
  vorzulegen.  Diese  Kommission  hat  auf  der  Meraner  Versammlung  (1905)
einen  “Bericht  der  Unterrichtskommission  der  Gesellschaft  deutscher  Natur-1)

  E.  Bose,  Über  Kurse  in  physikalischer  Handfertigkeit  (Beiträge  z.  Frage  d.  Unterr.
in  Physik  u.  Astron.  a.  d.  höh,  Schulen.  Leipzig,  B.  G.  Teubner  1904).