Geschichtliches.  549

CHEMIE.

Von  Dr.  Bastian  ScHMip.

I.  GESCHICHTLICHES.

Wenn  man  bedenkt,  daß  die  Chemie  sich  erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts
  von  der  Physik  ‘wie  ein  Samenkorn  von  einer  gereiften  Frucht  trennte’
(Liebig),  und  wenn  man  in  Erwägung  zieht,  daß  noch  in  der  zweiten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  an  manchen  deutschen  Hochschulen  Physik  und  Chemie
in  der  Hand  eines  Dozenten  waren,  so  liegt  hierin  schon  eine  der  Hauptursachen
  für  ein  so  spätes  Auftreten  unserer  Wissenschaft  in  den  höheren  Lehranstalten.
  Hierzu  kommen  aber  noch  andere  Gründe.

Trotzdem  die  Chemie  in  den  ersten  Dezennien  des  19.  Jahrhunderts  wissenschaftliche
  Ergebnisse  zutage  förderte,  die  zu  den  glänzendsten  aller  Zeiten
gehören  werden,  hätte  sie  sich  die  Pforten  der  Schule  nicht  erobern  können.
Erst  als  ungeahnte  materielle  Erfolge  zutage  traten,  als  sich  für  Gewerbe,
Industrie  und  Landwirtschaft  völlig  neue  Gesichtspunkte  ergaben  und  die  Nachfrage
  nach  Chemikern  immer  größer  wurde,  konnten  sich  wenigstens  die  Realanstalten
  dieser  Wissenschaft  nicht  mehr  verschließen.  Derjenige,  der  durch
seine  epochemachenden  Entdeckungen  auf  chemischem  Gebiete  in  verschiedenste
Zweige  des  wissenschaftlichen  und  Erwerbslebens  eingriff,  der  durch  zahlreiche
Abhandlungen  und  Reden  auch  das  Interesse  des  Bürgerstandes  auf  die  Chemie
lenkte,  und  eine  erhebliche  Zahl  trefflicher  Laboratorien  gründete,  der  war  es
auch  in  erster  Linie,  der  dieser  Wissenschaft  Eingang  in  die  höheren  Lehrenstalten
  verschaffte  —  Justus  v.  Liebig.  Er  selbst  sagte  von  der  Chemie:

‘Keine  unter  allen  Wissenschaften  bietet  dem  Menschen  eine  größere  Fülle
von  Gegenständen  des  Denkens,  der  Überlegung  und  von  frischer,  sich  stets
erneuernder  Erkenntnis  dar  als  wie  die  Chemie;  keine  ist  mehr  geeignet,  das
Talent  der  Beobachtung  in  der  Entdeckung  von  Ähnlichkeiten  und  Verschiedenheiten
  in  den  Erscheinungen  in  gleicher  Weise  zu  wecken  und  die  Gesetze  des
Denkens  in  ihren  strengen  Methoden  der  Beweisführung  für  die  Wahrheit  einer
Erklärung  oder  in  der  Aufsuchung  der  Ursachen  und  Wirkungen  einer  Erscheinung
  gleich  anschaulich  und  geläufig  zu  machen.’!)

1)  Chemische  Briefe,  I.  Band.