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Dank  dem  Einfluß  eines  Alex.  v.  Humboldt  und  eines  J.  v.  Liebig  wurde
der  formal  bildende  Wert  der  Chemie  —  abgesehen  von  den  Vertretern  klassischer
  Bildung  —  nicht  verkannt.  Dennoch  sprachen  zunächst  nur  praktische
Gesichtspunkte  für  Aufnahme  der  Chemie  in  die  Lehrpläne.

An  die  Pforte  des  Gymnasiums  hat  die  neue  Wissenschaft  vergeblich  gepocht.
  Von  ihrer  Stellung  in  den  Süvernschen  Lehrplänen,  die  zwar  einen
Chemieunterricht  ansetzten,  können  wir  absehen,  da  es  so  viel  wie  keinen  Lehrer
für  dieses  Fach  gab.  Wieses  Lehrpläne  von  1856  sind  für  die  Chemie  —
soweit  es  sich  um  das  Gymnasium  handelt  —  nur  in  negativer  Hinsicht  erwähnenswert.
  (Bekanntlich  verschwanden  1856  Physik  und  Naturbeschreibung
aus  der  Reifeprüfung  der  Gymnasien  und  sind  bis  heute  nicht  wieder  aufgetreten.)
  Wiese  selbst  hatte  keine  sehr  hohe  Meinung  von  der  Chemie  als
Unterrichtsgegenstand,  wie  aus  folgender  Äußerung  zu  entnehmen  ist:  ‘Der
Physik  wird  in  ihrer  Verbindung  mit  der  Mathematik  allgemein  ein  hoher
Wert  für  die  Zwecke  der  Realschule  zuerkannt,  wogegen  die  Schätzung  der
Chemie  als  Lehrgegenstand  für  das  Jugendalter  an  sich,  und  weil  sie  noch  zu
wenig  zu  abgeschlossenen,  wissenschaftlichen  Resultaten  gekommen,  vielmehr
fortwährend  in  der  Entwicklung  begriffen  sei,  eine  sehr  verschiedene  ist.!)

Verfolgen  wir  zunächst  die  Geschichte  des  Chemieunterrichtes  an  den  Realanstalten
  und  behalten  wir  dabei  im  Auge,  daß  aus  dem  oben  erwähnten  Grunde
manche  Verordnung  nur  suf  dem  Papiere  stand.  Das  gilt  z.  B.  von  den  im
Jahre  1832  für  die  Entlassungsprüfungen  an  Höheren  Bürger-  und  Realschulen
getroffenen  Bestimmungen.  Dort  wird  für  Chemie  eine  Kenntnis  von  dem  Verhalten
  der  Grundstoffe  und  ihrer  wichtigsten  Verbindungen,  der  Salze,  und  der
bekanntesten  organischen  Substanzen  vorgeschrieben.  Außerdem  hatten  die  Reiflinge
  an  einem  der  Physik  oder  Chemie  entnommenen  Thema  den  Nachweis
für  die  Beherrschung  dieses  Gebietes  zu  liefern.

Was  aber  dem  Staate  nicht  möglich,  gelang  einigen  Städten.  Dadurch,
daß  infolge  eigenartiger  Patronatsverhältnisse  die  Städte  in  der  Lage  waren,
an  den  von  ihnen  gegründeten  Realschulen  auch  den  Lehrplan  zu  regeln,  fand
z.  B.  im  Rheinland  der  chemische  Unterricht  aus  praktisch  industriellen  Erwägungen
  schon  im  Jahre  1840  Eingang.  Barmen  verwendete  in  den  3  oberen
Klassen  wöchentlich  4  Stunden  für  Physik  und  Chemie,  in  Düsseldorf  wurde
die  Chemie  in  3  Wochenstunden  in  Prima  und  Sekunda  erteilt  (Programm  1842).
In  welchem  Umfange  dieser  Unterricht  betrieben  wurde,  das  zeigt  uns  das
Düsseldorfer  Programm  vom  Jahre  1843.

Sekunda:  ‘Die  Metalloide  und  die  leichten  Metalle  sowie  ihre  Verbindungen.
  Zur  Erläuterung  stöchiometrischer  Schemata  Experimente  und  Zeichnung
  der  bezüglichen  Apparate.’

Prima:  ‘Die  noch  übrigen  Leicht-  und  Schwermetalle,  deren  Vorkommen,
Gewinnung  und  wichtigere  Verbindungen.  Aus  der  organischen  Chemie  das
Interessanteste.’

1)  Wiese,  Das  höhere  Schulwesen  in  Preußen,  Bd.  III,  41.  Wiegandt  u.  Grieben,
Berlin  1874.