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In  Bayern  —  und  fast  ebenso  in  Sachsen  —  ist  demnach  in  ganz  hervorragender
  Weise  eine  Seite  des  chemischen  Unterrichts  betont,  die  an  preußischen
Realschulen  fehlt;  allerdings  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  in  beiden  Staaten
der  Chemieunterricht  je  zweistündig  an  den  oberen  zwei  Realschulklassen  erteilt
  wird.

Ein  großer  Teil  unserer  Lehrpläne  betont  also,  in  Verkennung  des  assoziierenden
  Charakters  der  Chemie,  nur  die  anorganische  Seite  unserer  Wissenschaft.
  Hieraus  folgt,  daß  in  erster  Linie  nur  Berührungspunkte  mit  der  Physik
und  Mineralogie  sich  ergeben  können,  hingegen  die  Anknüpfungspunkte  mit
den  biologischen  Wissenschaften,  wenn  auch  nicht  ausnahmslos,  zurücktreten
müssen.  (Atmung  und  Kreislauf  des  Kohlenstoffs.)

Solange  man  den  organischen  Teil  in  der  Schule  in  der  Weise  in  den
Hintergrund  drängt,  wie  es  jetzt  der  Fall  ist,  kann  auch  die  Chemie  nicht
das  sein,  was  sie  für  uns  sein  soll,  eine  Wissenschaft,  die  zu  allen  anderen
Naturwissenschaften  in  Verbindung  steht,  der  Sammelpunkt,  in  welchem  sich
alle  treffen,  kurzum  derjenige  Unterrichtszweig,  der  am  meisten  geeignet  zu
sein  scheint,  den  Schüler  auf  jene  denkende  Betrachtung  hinzulenken,  welche
die  Natur  ‘als  ein  lebendiges  Ganzes’  sieht.  ‘Die  Natur  ist  für  die  denkende
Betrachtung  Einheit  in  der  Vielheit,  Verbindung  des  Mannigfaltigen  in  Form
und  Mischung,  Inbegriff  der  Naturdinge  und  Naturkräfte,  als  ein  lebendiges
Ganzes’  (Alex.  v.  Humboldt,  I.  Bd...  Von  einer  solchen  Humboldtschen  Auffassung
  —  zu  der,  wenn  nicht  alle  Zeichen  trügen,  die  ganzen  Naturwissenschaften
  wieder  streben  —  kann  keine  Rede  sein,  solange  die  Chemie  der
Organismen,  die  Vorgänge  im  eigenen  Körper  keine  Berücksichtigung  finden,
solange  man  den  Schüler  in  dem  Glauben  läßt,  daB  zwischen  organischen  und
anorganischen  Verbindungen  eine  große  Scheidewand  sich  erhebt.  Tatsächlich
hat  diese  Trennung  lange  Zeit  in  der  Wissenschaft  bestanden  und  wurde  noch
von  einem  so  hervorragenden  Chemiker  wie  Berzelius  vertreten;  wie  leicht  kann
nun  diese  Überzeugung,  die  das  Gegenteil  von  der  Einheitlichkeit  in  der  Naturauffassung
  ist,  im  Schüler  entstehen?

Inwieweit  die  Chemie  mit  den  biologischen  Wissenschaften  in  Verbindung
treten  kann,  das  bedarf  hier  wohl  keiner  besonderen  Betonung.)  Wer  würde
es  sich  versagen,  gelegentlich  der  Behandlung  des  Methans  oder  des  Petroleums,
das  man  vor  den  Augen  des  Schülers  einer  fraktionierten  Destillation  unterwirft,
  auf  die  Beziehungen  dieser  Kohlenwasserstoffe  zur  Organismenwelt  einzugehen?
  Welcher  Chemiker  ließe  es  sich  bei  dem  Kapitel  ‘Äthylalkohol’
entgehen,  die  Hefezellen  unbeschadet  einer  früheren  Behandlung  derselben  im
Mikroskop  zu  zeigen,  sie  in  eine  zuckerhaltige  Lösung  zu  bringen  und  die
weiteren  Vorgänge  vom  Schüler  genauestens  verfolgen  zu  lassen?  Wer  könnte
die  Kohlenhydrate  behandeln,  ohne  der  physiologischen  Vorgänge  ihrer  Ent-)

  Vgl.  Bastian  Schmid,  Der  biologische  Unterricht  an  den  sechsklassigen  Realschulen
  (UMN.  IX,  122.  1908.  K.  Fricke,  Die  heutige  Lage  des  naturwissenschaftlichmathematischen
  Unterrichts  an  den  höheren  Schulen.  Ferner  ‘Biologische  Versuche  in
chemischen  Schülerübungen’  von  K.  Scheid,  Natur  und  Schule,  IV.  Bd.  S.  408f.