Zur  Stoffauswahl.  557

stehung  im  Pflanzenkörper,  der  Ernährung  und  der  Beziehung  zwischen  Tierund
  Pflanzenwelt  zu  gedenken?

Und  so  finden  sich  zahlreiche  Anknüpfungspunkte  und  Beispiele,  die  samt
und  sonders  geeignet  sind,  die  Ergebnisse  mehrerer  naturwissenschaftlicher  Disziplinen
  nahe  zu  bringen.

Offenbar  sieht  man  noch  immer  zu  große  Schwierigkeiten  in  der  organischen
  Chemie  und  glaubt,  daß  durch  ihre  Aufnahme  in  den  Lehrplan  der  anorganische
  Teil  zu  sehr  eingeengt  werden  könnte.  Man  übersieht  aber  dabei,
daß  beide  Teile  sich  ergänzen,  daß  durch  gewisse  Kapitel  der  organischen
Chemie  (Strukturverhältnisse,  Säuren,  Basen)  die  anorganische  eine  neue  Beleuchtung
  und  größere  Vertiefung  erfährt.  Jedenfalls  sind  die  sich  bietenden
Schwierigkeiten  im  organischen  Teil  nicht  so  groß,  vor  allem  nicht  größer  als  auf
anorganischem  Gebiete!)  —  die  Isomerieverhältnisse  nicht  ausgenommen.  Natürlich
  wird  man  sich  in  bezug  auf  letztere  eine  weise  Beschränkung  auferlegen,
wie  man  überhaupt  bezüglich  der  Strukturverhältnisse  und  auch  der  Formeln
engere  Grenzen  ziehen  muß.  —  So  ist  es  als  notwendig  zu  erachten,  daß  in
den  Abschnitten  ‘Fette,  Farbstoffe,  Eiweiß  u.  dgl’  die  Formel  zugunsten  der
praktischen  (technischen)  Bedeutung  und  des  Vorkommens  in  der  Natur  zurücktritt
  und  zwar  zum  mindesten  an  Realgymnasien  und  Realschulen.  Interessant
ist  die  Tatsache,  daß  selbst  an  den  auf  das  Minimum  an  Chemieunterricht  beschränkten
  Gymnasien  Stimmen  laut  werden,  welche  die  organische  Chemie,
wenigstens  in  bescheidenen  Grenzen,  fordern.  Ich  erinnere  an  einen  Aufsatz,  den
B.  Landsberg  in  der  “Monatsschrift  f.  höh.  Schulen’  II,  692  veröffentlicht  hat.

b)  Physikalische  Chemie.  Die  physikalische  Chemie  hat  seit  dem  letzten
Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  so  wichtige  Ergebnisse  zutage  gefördert,  daß  die
Schule,  wenn  sie  einigermaßen  in  Fühlung  mit  der  Wissenschaft  bleiben  und
auf  ein  Verständnis  dieser  oder  jener  Vorgänge  und  Hypothesen  rechnen  will,
ein  Eingehen  auf  diesen  wichtigen  Teil  fordern  muß.  Tatsächlich  ist  man  bereits
  der  Frage  theoretisch  und  mit  mehr  oder  weniger  Glück  auch  praktisch
in  den  Lehrbüchern  nähergetreten.

Loew  sagt  auf  3.  66  (Chemie)  des  XIV.  Bandes  der  ‘Jahresberichte  über  das
höhere  Schulwesen’:  ‘Je  weiter  in  wissenschaftlicher  Hinsicht  neuerdings  das  Grenzgebiet
  zwischen  Chemie  und  Physik  ausgebaut  wird,  desto  mehr  tritt  für  den
Schulunterricht  die  Frage  in  den  Vordergrund,  inwieweit  er  etwa  die  neueren
physikalisch-chemischen  Forschungsergebnisse  aufnehmen  oder  wenigstens  ihr
Verständnis  vorbereiten  könnte”  M.  Rudolphi?)  fordert  zunächst  vom  Lehrer
einer  höheren  Schule  tiefere  Kenntnisse  in  der  physikalischen  Chemie,  “um  eben
auch  die  auf  dem  breiten  Grenzgebiete  liegenden  Erscheinungen  nach  allen
Seiten  hin  und  doch  möglichst  einfach  erklären  zu  können’.

Von  den  in  allerjtingster  Zeit  zu  dieser  Sache  erschienenen  Schriften  sei

ı)  Vgl.  E.  Löwenhardt,  Über  die  Begrenzung  des  chemischen  Lehrstoffes  (UMN.  X,
111.  1904).

»,  ‘Die  Bedeutung  der  physikalischen  Chemie  für  den  Schulunterricht.”  Göttingen,
Vandenhoek  &amp;  Ruprecht  1900.