Schülerübungen.  561

Material  ersetzt  werden  wird.  Ähnlich  spricht  sich  C.  Schäffer  in  der  Vorrede
zu  seinem  Programm  aus,  worin  er  das  Spezialwissen  durch  eingehendere  Behandlung
  der  allgemeinen  Chemie  zurückgedrängt  wissen  will.

Leider  sind  selbst  unsere  neuesten  Lehrbücher  der  Chemie  gegenteiliger  Ansicht;
  man  findet  sogar  in  den  allerjüngsten  die  Tendenz,  das  Spezialwissen
immer  mehr  auszubreiten.  Nicht  nur,  daß  auf  eine  möglichst  große  Vollständigkeit
  im  Aufzählen  und  Beschreiben  der  Verbindungen  gedrungen  wird,
sondern  auch  unwichtige  Elemente  nebst  ihren  Verbindungen  nehmen  dort
immer  mehr  Raum  ein.

Dazu  kommt,  daß  die  Zahl  der  Versuche  immer  größer  wird.  Nicht  mit
Unrecht  warnt  man  verschiedenen  Orts  vor  einem  Zuviel  an  Experimenten.
Wie  viele  davon  sind  nur  Variationen  und  Analogien  von  Grundversuchen!  Und
wie  sehr  wird  dabei  das  Gedächtnis  des  Schülers  überlastet,  der  über  dem
vielen  Nebensächlichen  das  Wesentliche  vom  Unwesentlichen  nicht  mehr  unterscheiden
  kann!

Wie  mir  scheint,  wird  auch  zuviel  Wert  auf  die  Stöchiometrie  und  die
Technologie  gelegt.  Was  erstere  anbelangt,  so  wird  an  ihrer  Berechtigung  kein
Lehrer  der  Chemie  zweifeln,  was  aber  die  Kritik  herausfordert,  das  ist  das  eintönige
  Rechnen  (Übungsbeispiele),  in  das  sie  vielfach  ausartet.  Mir  lag  vor  einiger
Zeit  eine  Sammlung  von  chemischen  Aufgaben  (für  die  Reifeprüfung  an  Realschulen
  gestellt)  vor,  und  ich  mußte  ersehen,  daß  ca.  60%,  sämtlicher  Aufgaben
  rein  stöchiometrisch  waren,  gewiß  ein  Beweis  für  die  Wichtigkeit,  die
man  dem  Fache  beizulegen  gewohnt  ist.

Wenn  hinsichtlich  der  Technologie  vor  einem  Zuviel  gewarnt  werden  muß,
so  geschieht  das  deshalb,  weil  gewöhnlich  das  Wichtigste,  die  Anschauung,
fehlt.  Jeder  weiß  aus  eigener  Erfahrung,  daß  das  Studium  der  Technologie
trotz  der  schönsten  Tabellen  seine  Schwierigkeiten  hat,  und  jeder  weiß,  daß
Bild  und  Wirklichkeit  zwei  sehr  verschiedene  Dinge  sind.  Tatsächlich  vergißt
auch  der  Schüler  nichts  leichter  als  technische  Prozesse.  Hieraus  ergibt  sich,
daß  man  sich  hinsichtlich  der  Technik  auf  das  Notwendigste  beschränken  sollte.
Bieten  jedoch  die  örtlichen  Verhältnisse  Gelegenheit  zum  Besuch  chemisch-technischer
  Etablissements,  so  kann  ein  solcher  nicht  genug  empfohlen  werden.
Wir  sind  in  diesem  Falle  —  wie  bei  Exkursionen  aller  Art  —  eines  nachhaltıgen
  Erfolges  sicher.

IV.  SCHÜLERÜBUNGEN.

Die  chemischen  Schülerübungen  sind  älter  als  die  physikalischen.  Über
ihren  großeri  Bildungswert  braucht  hier  nichts  gesagt  zu  werden.  Leider  unterscheiden
  sie  sich  an  unseren  ÖOberrealschulen  und  Realgymnasien  häufig  dem
Wesen  nach  nicht  von  der  üblichen  Laboratoriumspraxis  der  Hochschulen.  Sie
beschränken  sich  nur  auf  ein  geringeres  Maß  und  beschäftigen  sich  der  Hauptsache
  nach  mit  Reaktionen,  leichteren  Analysen,  vielleicht  auch  noch  mit  MaßBanalysen
  und  —  was  übrigens  für  die  Schüler  sehr  empfehlenswert  ist  —  der

Herstellung  von  Präparaten.
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  36