562  Scauın:  Chemie.

Nach  dem  üblichen  Lehrgang  auf  unseren  Hochschulen  handelt  es  sich  für
den  Studierenden  zunächst  um  einige  einführende  Reaktionen,  auf  welche  eine
unverhältnismäßig  große  Zahl  qualitativer  Analysen  folgt.  Dabei  kann  der  Praktikant
  nicht  messen  und  wägen!  Gegen  diese  Praxis  hat  man  in  letzter  Zeit  Einwände
  erhoben,  vereinzelt  in  Deutschland,  ganz  besonders  aber  in  Amerika.  Ich
verweise  bei  dieser  Gelegenheit  auf  das  hochinteressante  Buch  von  A.  Smith.?)
Hiernach  lernt  der  amerikanische  Student  die  wichtigsten  physikalischen  Eigenschaften
  der  Stoffe  und  die  grundlegenden  Gesetze  der  Chemie  an  einfachen
Versuchen  selbst  kennen  (Gesetz  der  konstanten  Zusammensetzung  des  Stoffes,
Gesetz  der  multiplen  Proportionen,  Gay  Lussac  und  Boyle),  und  somit  wird
für  ihn  der  Teil  der  Chemie,  den  unser  Praktikant  als  ‘graue  Theorie’  hinnimmt,
  ein  Stück  Selbsterarbeitetes,  eine  Schlußfolgerung  aus  den  gemachten
Beobachtungen.  Er  befaßt  sich  mit  der  Bildungsweise  des  Sauerstoffes,  wiegt
das  Gas,  bestimmt  das  Litergewicht  und  macht  verschiedene  Oxydationsversuche.
  Es  werden  die  Zusammensetzung  der  CO,  und  anderer  Verbindungen
ermittelt,  Formeln  und  Gleichungen  selbständig  aufgestellt  u.s.f.  Die  Einwirkung
  von  Säuren  auf  Metalle  führt  zur  Herstellung  von  Wasserstoff  usw.

Inwieweit  unsere  Hochsehulen  auf  diesen  Lehrgang  eingehen  werden,  ist
eine  Frage  für  sich.  Wir  an  der  höheren  Schule  können  das  Buch  nicht  unbeachtet
  lassen,  denn  es  liegt  so  viel  an  Selbständigkeit,  gesunden  Ideen  und  Fortschritt
  in  diesem  für  die  Hochschulen  bestimmten  Werkchen.  Wir  haben  trotz
unserer  sonstigen  Fortschritte  in  der  Didaktik  in  unseren  Schülerübungen  eine
merkwürdige  Abhängigkeit  von  der  Hochschule  gereigt,  und  so  tragen  wir  leider
auch  ein  Teil  dazu  bei,  daß  die  Oberrealschüler  auf  der  Universität  dieselbe  Kost
vorgesetzt  bekommen,  die  wir  ihnen  schon  geboten  haben.  Ist  es  denn  wirklich
  unsere  Aufgabe,  in  der  Weise,  wie  es  gegenwärtig  geschieht,  die  Analyse
zu  pflegen?  Täten  wir  nicht  besser,  eine  Einschränkung  auf  die  ersten  Anfänge,
ein  paar  einfache  Exempel  anzustreben?  Soll  es  wirklich  kein  anderes  Mittel
geben,  den  Schüler  —  logisch  und  wissenschaftlich  —  besser  zu  fördern  als
die  Analyse?  Ich  glaube  doch.  Messen  und  Wägen  z.  B.  dürfte  wichtiger  sein.
Jedenfalls  wird  sich  auch,  sobald  wir  ermstlich  an  die  Sache  schreiten,  eine  dem
Geiste  des  Schülers  angemessene  Methode  herausbilden,  und  diese  wiederum
dürfte  wesentlich  dazu  beitragen,  den  gegenwärtig  vielleicht  noch  immer  unterschätzten
  chemischen  Schülerübungen  die  ihrer  großen  Bedeutung  entsprechende
Aufmerksamkeit  zuzuwenden.

Nachschrift.

Auf  die  vor  kurzem  erschienenen  Lehrpläne  der  “Unterrichtskommission  der
Gesellschaft  deutscher  Naturforscher  und  Ärzte’  kann  hier  leider  nicht  mehr
eingegangen  werden.  Die  wesentlichen  Vorschläge  für  den  Chemieunterricht  bestehen
  in  folgendem:  Der  Unterricht  gliedert  sich  in  einen  vorbereitenden  (methodischen)
  Kursus  —  Untersekunda  —  und  einen  Kursus  der  Oberstufe  (systematische

ı)  A.  Smith,  Praktische  Übungen  zur  Einführung  in  die  Chemie.  Deutsch  v.  Haller
u.  Stoecker;  Karlsruhe,  Braunsche  Hofbuchdruckerei.