Geschichtliches.  567

Pfianzen,  Tieren  und  Mineralien  und  Bekanntschaft  mit  der  geographischen
Verbreitung  wichtiger  Naturprodukte.  “Die  Berücksichtigung  individueller  örtlicher
  Verhältnisse  bewirkt  noch  andere  Modifikationen  des  allgemeinen  Lehrplanes,
  indem  z.  B.  der  Charakter  der  Industrie  oder  die  Natur-  und  Bodenbeschaffenheit
  einer  Gegend  dazu  nötigen  können,  einzelne  Disziplinen  in  größerer
Ausdehnung  zu  behandeln,  als  es  anderswo  erforderlich  ist....  Der  Mineralogie
z.  B.  wird  in  Siegen  mehr  Zeit  gewidmet  als  in  Danzig.’')  |

Mit  dem  Jahre  1882  traten  wesentliche  Neuerungen  ein.  Am  Gymnasium
wurden  die  Elemente  der  Mineralogie  und  Kristallographie  dem  propädeutischen
Unterricht  in  der  Chemie  bzw.  Physik  zugewiesen;  das  Realgymnasium  erlitt,
wenn  es  auch  dem  Gymnasium  gegenüber  im  Vorteil  war,  eine  Einbuße.

Die  Ausführungen  blieben  mitunter  bedeutend  hinter  den  Anforderungen
zurück.  Ohmann  stellte  in  einem  ÖOsterprogramm  1894  fest,  daß  von  246
preußischen  Gymnasien  und  Progymnasien  nur  98  die  Mineralogie  gemäß  den
neuen  Lehrplänen  (1891)  berücksichtigen.  Die  westfälische  Direktorenkonferenz
(1889)  mußte  beklagen,  daß  unser  Fach  noch  ‘keine  feste  Stätte’  innerhalb
des  methodischen  Lehrganges  gefunden  habe  und  eine  Angliederung  an  die
übrigen  Fächer  seine  großen  Schwierigkeiten  habe.  Interessant  waren,  um  das
nebenbei  zu  bemerken,  die  verschiedenen  Meinungen,  die  bei  dieser  Gelegenheit
über  den  mineralogischen  Unterricht  zum  Ausdruck  kamen.  Der  Behauptung,
‘ohne  Kenntnis  in  Chemie  und  Stereometrie  sei  keine  Mineralogie  zu  lehren’,
wurde  die  gegenteilige  gegenübergestell.  Die  einen  fanden  die  Mineralogie
‘sehr  trocken’,  die  anderen  betonten  ihren  hohen  Bildungswert;  die  Kristallographie
  wurde  von  den  einen  in  den  Mittelpunkt  des  mineralogischen  Unterrichtes
gestellt,  von  den  anderen  nebensächlich  behandelt  usf.

Die  Direktorenkonferenz  zu  Hannover  mußte  bemängeln,  daß  die  Gymnasien
für  Chemie  und  Mineralogie  nur  '/,  bis  '/,  Jahr  verwenden.  An  einigen  hannoverschen
  Realgymnasien  wurde  bisweilen  das  Fach  ganz  gestrichen,  manche
Anstalten  halfen  sich  damit,  daß  sie  die  Kristallographie  im  Anschluß  an  die
Kristalle,  die  sich  in  den  Pflanzenzellen  finden,  behandelten;  mitunter  wurde
die  Mineralogie  in  den  letzten  Wochen  des  naturgeschichtlichen  Unterrichtes
durchgenommen.  Was  Wunder,  wenn  unter  solchen  Umständen  der  Vorschlag
auftauchte,  das  Fach  ganz  aus  der  UII  des  Realgymnasiums  zu  streichen.

Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  sich  seit  dem  Jahre  1882  in  Preußen
die  Lehrplanbestimmungen  wenig  geändert  haben.  In  den  anderen  Staaten
lagen  die  Verhältnisse  ähnlich,  und  noch  heute  stimmen  die  geringen  Anforderungen,
  die  man  an  das  Fach  stellt,  ziemlich  überein  mit  ganz  wenigen  Äusnahmen,
  unter  denen  Sachsen  vorteilhaft  hervorragt.

So  ist  die  Mineralogie  “das  Stief-  und  Schmerzenskind  unter  den  naturwissenschaftlichen
  Fächern’,  als  das  man  sie  nicht  selten  bezeichnet  hat,  bis
auf  den  heutigen  Tag  geblieben.  Nicht  nur,  daß  man  ihr  eine  geringe  Be-1)

  Wiese,  Das  höhere  Schulwesen  in  Preußen,  1864.