568  Scawuin:  Mineralogie  und  Geologie.

deutung  beimißt,  man  ist  sich  auch  noch  nicht  klar  darüber,  ob  sie  selbständig
oder  anhangsweise,  ob  sie  in  der  Unter-,  Mittel-  oder  Oberstufe  auftreten  soll.
(Man  vergleiche  die  preußischen,  sichsischen  und  badischen  Lehrpläne!)  S8omit
  ist  es  leicht  erklärlich,  daß  auf  dem  Gebiete  der  Methode  bisher  wenig
geschehen  konnte,  daß  auch  die  Stoffauswahl  und  die  Lehrbuchfrage  noch
nicht  in  dem  Maße  erörtert  wurden,  wie  das  bei  anderen  Unterrichtsgegenständen
  längst  der  Fall  ist.

Gehen  wir  zunächst  auf  das  Verhältnis  der  Mineralogie  zur  Chemie  ein!
Die  Vereinigung  der  beiden  Fächer  ist  nicht  unbegründet;  denn  daß  die  inneren
Beziehungen  von  Mineralogie  und  Chemie  größer  sind  als  die  der  Mineralogie
zu  einem  anderen  Fach,  braucht  hier  wohl  nicht  besonders  betont  zu  werden.
Damit  ist  zugleich  die  Ersprießlichkeit  unseres  Unterrichtsfaches,  sobald  es  vor
der  Chemie  auftritt,  in  Frage  gestellt.  Alle  Versuche,  die  an  dem  Zusammenhange
  von  Chemie  und  Mineralogie  zu  rütteln  versuchen,  stoßen  gewöhnlich
auf  großen  Widerspruch  und  mit  Recht.!)

In  diesen  inneren  Beziehungen  von  Mineralogie  und  Chemie  liegt  noch  kein
Grund  für  die  äußere  Verschmelzung  beider  Fächer  zu  einem;  einmal  haben  die
Kristallographie  und  die  Physik  ebenfalls  einen  erheblichen  Anteil  an  dem  wissenschaftlichen
  Aufbau  der  Mineralogie,  und  sodann  ist  dieselbe  Naturwissenschaft
genug,  um  auf  Selbständigkeit  Anspruch  machen  zu  können.  Auch  in  Zukunft
wird  unser  Fach  von  Physik  und  Chemie  abhängig  sein,  abhängiger  als  die  Biologie;
  aber  deshalb  braucht  es  an  Selbständigkeit  nicht  zu  verlieren.  Man  wird
sich  mit  dem  Beschreiben  und  Vorzeigen  von  Mineralien  “an  passender  Stelle’
nicht  mehr  begnügen  können;  man  wird  vielmehr  umfassendere  chemische  und
zum  Teil  auch  physikalische  Kenntnisse  voraussetzen,  ehe  man  den  Mineralogieunterricht
  beginnt.  Jedenfalls  wird  auch  durch  den  Umstand,  daß  die  in
manchen  Lehrplänen  nicht  einmal  erwähnte  Geologie  gegenwärtig  ihre  Rechte
zu  beanspruchen  beginnt,  die  selbständige  Stellung  des  Faches  in  nächster  Zeit
noch  mehr  in  den  Vordergrund  gerückt  werden.

Die  Frage,  auf  welcher  Stufe  die  Mineralogie  einsetzen  soll,  ist  nicht  leicht
zu  beantworten.  So  viel  steht  fest,  daß  ein  ergiebiger  Unterricht,  da  er  physikalische
  und  chemische  Kenntnisse  voraussetzen  muß,  wenn  er  von  nachhaltigem
Erfolg  sein  will,  erst  auf  der  Oberstufe  auftreten  darf.  An  Versuchen  hierzu
fehlt  es  nicht.  Das  Realgymnasium  zu  Döbeln  erteilt  den  mineralogisch-geologischen
  Unterricht  in  UI,  an  den  badischen  Oberrealschulen  wurde  er  nach
Ol  verlegt.  Ob  es  von  Vorteil  ist,  den  Chemieunterricht  in  OU  oder  Ull  zu
schließen,  möchte  ich  in  Abrede  stellen;  hingegen  dürfte  sich  meiner  Ansicht
nach  ein  anderer  Ausweg  finden,  nämlich  der,  den  Mineralogieunterricht  neben
der  Chemie  (als  selbständiges  Fach)  hergehen  zu  lassen.  In  dieser  Lage  befinden
  sich  z.  B.  die  sächsischen  Realschulen,  welche  neben  2  Stunden  Chemie

ı)  J.  Rusks,  Über  das  Verhältnis  der  Mineralogie  und  Geologie  zur  Chemie.  —
H.  Müller,  Die  Mineralogie  im  Unterricht  der  Präparandenanstalt  und  des  Seminars  und
ihre  Verbindung  mit  der  Chemie.  —  J.  Kraus,  Mineralogie  und  Chemie.  Sämtliche  Aufsätze
  sind  im  2.  Bde.  von  “Natur  u.  Schule’  enthalten.