Stoffauswahl.  569

noch  einen  einstündigen  Mineralogieunterricht  haben.  Dem  Lehrer  wird,  nebenbei
  bemerkt,  in  der  Verteilung  seines  Pensuns  so  viel  Freiheit  gelassen,  daß  er
die  Unannehmlichkeiten,  die  ein  einstündiges  Fach  mit  sich  bringt,  nicht  verspürt.
  Ein  anderer  empfehlenswerter  Weg  könnte  darin  erblickt  werden,  dem
Mineralogieunterricht  nach  Abschluß  des  Unterrichtes  iu  anorganischer  Chemie
ein  Semester  zu  widmen,  etwa  das  Wintersemester  der  Ul.

STOFFANORDNUNG.  KRISTALLOGRAPHIE.

Manche  unserer  Lehrpläne  schreiben  insofern  eine  bestimmte  Stoffanordnung
vor,  als  sie  eine  Gliederung  in  Kristallographie,  allgemeine  und  spezielle  Mineralogie
  nebst  Gesteinslehre  (ev.  Geologie)  angeben.

Es  fragt  sich  zunächst,  ob  eine  getrennte  Behandlung  der  Kristallographie
empfehlenswert  ist,  oder  ob  sich  eine  Verbindung  von  Mineralogie  und  Kristallographie
  in  der  Weise  empfiehlt,  daB  gelegentlich  der  Behandlung  der  einzelnen
Mineralien  typische  Kristallbildungen  herausgegriffen  werden,  an  denen  sich  die
Kristallsysteme  entwickeln  lassen.  Dieser  zuletzt  angedeutete  Lehrgang  mag,
wenn  das  Fach  auf  die  Unterstufe  verlegt  ist  oder,  sobald  es  sich  nur  um  geringe
  mineralogische  Anforderungen  handelt,  manches  für  sich  haben.  Sind
die  Anforderungen  höher,  dann  scheint  es  im  Interesse  der  Übersichtlichkeit
über  den  Gesamtstoff,  aber  auch  im  Interesse  der  Kristallographie  geboten  zu
sein,  diese  für  sich  zu  behandeln,  selbstverständlich  nicht  ohne  konkrete  Grundlage
  (Mineralien!\.‘)  In  neuester  Zeit  scheint  man  hier  'und  da  geneigt  zu
sein,  den  Wert  der  Kristallographie  zu  unterschätzen.  Es  ist  das  eine  gesunde
  Reaktion  auf  die  vielfach  übertriebene  Betonung  des  Gegenstandes,
eine  Reaktion  auf  jene  Ansicht,  die  in  der  Kristallographie  nur  noch  darstellende
  Geometrie  sieht  und  vergißt,  daß  das  Naturwissenschaftliche  die  Hauptsache
  daran  ist.  Andrerseits  geht  man  entschieden  zu  weit,  wenn  man  denkt,
sie  beseitigen  zu  können.  Abgesehen  davon,  daß  die  Kristallographie  am  Ausbau
  der  mineralogischen  Wissenschaft  in  ganz  hervorragendem  Maße  beteiligt
ist,  dürfen  wir  doch  eine  der  wichtigsten  Handhaben  zum  Bestimmen  der  Mineralien
  nicht  aus  der  Hand  geben.

Im  Interesse  der  Kristallographie  selbst,  aber  auch  aus  rein  naturwissenschaftlich-pädagogischen
  Gründen  empfiehlt  es  sich,  den  Schüler  von  vornherein
dahin  zu  bringen,  in  den  Kristallen  nicht  vollendet  geometrische  Idealmodelle
verwirklicht  zu  sehen.  Zu  dieser  Ansicht  kann  er  doch  leicht  kommen,  wenn
er  den  Unterricht  von  der  ersten  Stunde  an  am  Modell  empfängt.  Läßt  man
aber  die  Kristalle  vor  seinen  Augen  entstehen,  sei  es,  daß  man  sie  aus  wässerigen
  Lösungen  absetzen  läßt,  oder  durch  Sublimation  oder  aus  dem  Schmelzfluß
gewinnt,  dann  ist  er  nicht  nur  über  die  natürliche  Entstehungsweise  belehrt,
dann  sieht  er  auch  (man  wird  die  Kristalle  unter  günstigen  und  ungünstigen
Umständen  entstehen  lassen),  was  Ideal  und  Wirklichkeit  ist.

ı)  Daß  man  bei  der  Behandlung  der  Kristallographie  wirkliche  Kristalle  und  nicht
etwas  ausschließlich  Modelle  benutzen  soll,  braucht  heute  kaum  mehr  hervorgehoben  zu
werden.