570  Sonwmp:  Mineralogie  und  Geologie.

SPEZIELLE  MINERALOÖGIE.

Ganz  allgemein  wird  man  mit  Berücksichtigung  der  gegenwärtigen  Verhältnisse
  sagen  können:  Wer  in  Chemie  systematisch  vorgeht  und  mit  diesem
Unterricht  den  mineralogischen  zu  verbinden  hat,  der  wird  unvermeidlich  Schritt
halten  und  in  Mineralogie  ebenfalls  systematisch  vorgehen.  Selbstredend  wird
man  auf  alle  Fälle  von  den  heimatlichen  Mineralien  ausgehen  und  bedenken
müssen,  daß  an  einer  rigorosen  Durchführung  der  Systematik  das  Interesse  der
Schüler  erlahmen  würde.  Man  wird  dem  System  zuliebe  nicht  die  verschiedenen
  Verbindungen  ein  und  desselben  Elementes  an  verschiedenen  Orten  behandeln;
  denn  durch  ein  solches  Vorgehen  würde  man  vielfach  trennen,  was  in
der  Natur  vereinigt  ist,  man  würde  da  Schranken  errichten,  wo  sich  stetige
Übergänge  vollziehen.  Zum  Einreihen  in  das  System  bietet  sich  bei  der  Zusammenfassung
  noch  Gelegenheit  genug.

Ein  Mineralogieunterricht,  der  nur  von  kristallographischen,  physikalischen
und  chemischen  Eigenschaften  der  Mineralien  Gebrauch  macht  und  nicht  nach  dem
Werden  und  Vergehen  derselben  und  ihrer  Umwandlung  fragt  und  auch  nicht  auf
geologische  Verhältnisse  Bezug  nimmt,  kann  auf  Selbständigkeit  keinen  Anspruch
erheben.  Nicht  mit  Formeln  allein  wird  dem  chemischen  Teil  der  Mineralogie
Genüge  geleistet,  sondern  mit  der  Anwendung  der  Chemie  auf  die  Veränderungen
in  der  leblosen  Natur.  Daß  das  Eisenkarbonat  die  Formel  FeCO,  hat,  ist  für
den  Schüler  eine  trockene  Tatsache,  wie  sich  aber  dieses  Karbonat  bildet  und
unter  welchen  Umständen  es  in  eine  andere  Verbindung  übergeht,  wie  Wasser,
hoher  Druck,  hohe  Temperaturen  und  die  Organismenwelt  zusammenwirken,
um  neue  Verbindungen  zu  erzeugen,  das  hat  ungleich  höheren  Wert,  das  ist
angewandte  Physik  und  Chemie.  Bei  solchen  Betrachtungen  verspürt  der  Schüler
den  Zug  nach  einem  Zusammenwirken  aller  Kräfte  und  der  Abhängigkeit  der  lebenden
  Welt  von  der  leblosen  und  wiederum  von  einem  Übergreifen  jener  auf  diese.

An  Anknüpfungspunkten  fehlt  es  wahrlich  nicht.  Da  sind  es  unter
anderen  Feldspat,  Apatit  und  Salpeter  in  ihrer  Bedeutung  für  die  Pflanzenwelt;
  Kalk  und  Kieselsäure  (zunächst)  als  Repräsentanten  organogener  Umwandlungen;
  da  haben  wir  die  wichtigen  Prozesse,  welche  das  mit  Sauerstoff  oder
Kohlensäure  beladene  Wasser  vollbringt,  die  Zerstörung  des  Gesteins  durch
die  Pflanzenwurzeln  und  deren  lösende  Wirkung  auf  Kalk,  Phosphorsäure
und  anderes.  Dazu  kommt  die  rein  physikalische  Tätigkeit  des  Wassers,  das
Zerstören  durch  Frost  und  mechanische  Zertrümmerung,  ferner  vulkanische
Wirkungen,  (Eruptivgesteine)  und  Kontaktmetamorphose.  Als  wichtiges  Endprodukt
  der  verschiedenen  Vorgänge  beschäftigen  uns  die  einzelnen  Bodenarten
mit  ihren  physikalischen  Eigenschaften  und  chemischen  Qualitäten.

Hiermit  neigt  die  Mineralogie  schon  hinüber  zur  Geologie,  und  sie  tut
gut,  einen  solchen  Zusammenhang  zu  wahren.  ‘Eine  höhere  Schule,  die  der
mineralogischen  Unterweisung  nicht  die  Zuspitzung  auf  die  Geologie  gäbe,
sorgte  schlecht  für  die  allgemeine  Bildung’  (A.  Kirchhoff  in  Baumeisters  Handbuch
  IV.  Bd.  2.  Abt.  S.  31).