572  Scawip:  Mineralogie  und  Geologie.

punkten.  Freilich,  nicht  drinnen  in  der  Schule,  sondern  draußen  in  der  Natur
findet  sich  unser  Material,  draußen  wollen  wir  dem  Schüler  die  Augen  öffnen,
damit  er  den  toten  Stein  und  den  verwitternden  Erdboden  verstehen  lernt,  damit
er  sieht,  was  der  kleine  Bach  alles  transportiert,  wie  er  abschleift  und  ablagert,
wie  er  die  Ufer  beschädigt,  und  was  er  alles  in  Lösung  mit  sich  führt;  die
Schüler  wollen  mit  eigenen  Augen  sehen,  wie  die  Verwitterung  an  Dach,  Mauer
und  Grabstein  arbeitet.  In  diesem  Sinne  äußert  sich  namentlich  J.  Walther
in  seinem  Beitrag  zur  bekannten  Verwornschen  Broschüre.  Wer  könnte  sich
heute  noch  seiner  Forderung  verschließen,  wenn  er  sagt:  Wie  in  der  zoologischen
  Wissenschaft  die  Beobachtung  im  Freien  obenan  steht,  so  muß  auch
im  geologischen  Unterricht  ‘die  freie  Natur  unsere  Schulstube,  die  Erdrinde
unser  Laboratorium’  sein.

Einzig  und  allein  der  Unterricht  im  Freien  ist  imstande,  die  geologischen
Grundlagen  für  die  geographischen  Landschaftsformen  zu  geben,  sowie  er  auch
zur  besten  Quelle  ästhetischen  Empfindens  werden  kann.  So  werden  Gebirge
wie  einzelne  Berge  (Vulkane),  Tal  und  Ebene,  Moor-  und  Sumpflandschaft,  der
rastlose  Fluß  wie  der  stille  See  durch  den  Gedanken  an  ihre  Entstehung  und
ihre  Bedeutung  nicht  nur  geologische  Objekte  sein,  sondern  auch  Quellen
ästhetischer  Genüsse,  und  hierzu  trägt  das  geologische  Verstehen  der  Landschaft
  wesentlich  bei.

Was  die  Stoffauswahl  unbelangt,  so  wird  dieselbe  keine  großen  Meinungsverschiedenheiten
  verursachen.  Es  werden  die  auf  die  Erdoberfläche  umgestaltend
  einwirkenden  Faktoren  sowohl  als  auch  ein  Überblick  über  die  Geschichte
  der  Erde  Gegenstand  der  Belehrung  sein  müssen,  also  die  allgemeine
und  die  historische  Geologie.

Nicht  selten  begegnet  man  dem  Einwand,  daß  sich  nicht  alle  Gegenden
Deutschlands  zu  einem  anschaulichen  Geologieunterricht  eignen.  Als  ob  das
Flachland,  das  die  Bestandteile  der  Gebirge  empfängt,  dessen  Wasseradern  aufbauen
  und  zerstören,  nicht  eine  Fülle  von  Ankntipfungspunkten  böte  und  eine
nicht  minder  wichtige  Vergangenheit  hinter  sich  hätte  als  das  Gebirge!  Geologische
  Beobachtungen  lassen  sich  überall  anstellen.  Es  muß  selbstverständlich
  zugegeben  werden,  daß  die  Ebene  eine  Reihe  von  Erscheinungen,  wie  sie
im  Gebirge  zu  beobachten  sind,  vermissen  läßt;  sie  bietet  dafür  in  anderer  Hinsicht
  reiches  Material.  Wie  aber  auch  in  diesen  Gegenden  mit  Erfolg  gearbeitet
werden  kann,  das  haben  G.  Meyer:  ‘Die  Geologie  in  den  höheren  Schulen
Preußens’  (III.  Bd.  von  “Natur  u.  Schule’  S.  113)  und  N.  Roestel:  ‘Die  Aufgabe
der  Geologie  und  ihre  Bedeutung  für  die  Schule’  bestens  dargetan.!)  Bisweilen
kann  man  den  Vorschlag  hören,  man  möchte  den  Geologieunterricht  dem  mineralogischen
  vorangehen  lassen.  Dieses  Verfahren  dürfte  wenig  zu  empfehlen
sein;  denn  nur  dann,  wenn  die  Beschaffenheit  des  Baumaterials  (Mineralien,
Gesteine)  bekannt  ist,  kann  der  Bau  richtig  bewertet  werden.  In  dieser  Hinı,

  Vgl.  hierzu  die  kleine  Skizze:  ‘Eine  Geologiestunde  im  Freien’  von  Bastian
Schmid,  S.  53,  II.  Bd.  von  “Natur  u.  Schule’,  ferner  J.  Ruska,  Schulausflüge  zur  Einführung
  in  die  Geologie.  Ebenda  IV.  Bd.  8.  158  ff.