Geologie  und  Geographie.  573

sicht  sagt  E.  Loew?):  “Meint  man,  daß  jemand  die  Rolle  des  Granits  bei  der
Gebirgsbildung  und  die  Wirkungsweise  dynamischer  Faktoren  auf  das  genannte
Gestein  zu  verstehen  vermöchte,  der  von  dem  morphologisch-plıysikalischen  und
chemischen  Verhalten  der  den  Granit  zusammensetzenden  Mineralien  wie  Quarz,
Glimmer,  Feldspat  usw.  nichts  weiß?  Wie  die  Geolugie  die  Gesteinslehre,  so  setzt
diese  ihrerseits  wieder  die  Mineralogie  als  notwendige  didaktische  Grundlage  voraus.’

In  dem  Geographieunterricht  erwächst  der  Geologie  ein  immer  stärker
werdender  Bundesgenosse;  denn  der  Gedanke,  daß  die  moderne  Erdkundo  der
Geologie  nicht  mehr  entbehren  kann,  hat  sich  heutzutage  schon  eine  weitgehende
  Anerkennung  verschafft.  Freilich  sind  die  Aufgaben  der  physikalischen
Geographie  und  die  der  Geologie  in  mehr  als  einem  Punkte  verschieden.  Hören
wir  einen  bekannten  Geographen,  wie  er  sich  das  Verhältnis  der  beiden  Wissensgebiete
  denkt.  In  seinem  Aufsatz  “Grundbegriffe  und  Grundsätze  der  Geographie’  ?)
sagt  Hettner  (S.  22):  ‘Auch  die  Geologie  hat  es  mit  den  Vorgängen  und  Zuständen
  der  Erdoberfläche  zu  tun,  fußt  sie  aber  unter  dem  besonderen  Gesichtspunkte
  der  zeitlichen  Entwicklung  auf.  Das  eigentlich  geogruphische  Moment
liegt  in  der  räumlichen  Anordnung  und  Verteilung:  wir  haben  alle  Erscheinungen
  als  Bestandteile  oder  Merkmale  der  Erdoberfläche  aufzufassen.  Während
die  methodische  Grundfrage  der  Geologie  die  Frage  nach  dem  Sinn  der  Erdgeschichte
  ist,  ist  die  methodische  Grundfrage  der  Geographie  die  Frage  nach
dem  Wesen  der  räumlichen  Verschiedenheiten  und  Beziehungen..  Auf  Seite  29
lesen  wir:  ‘Die  Geographie  ist  ihrer  Begriffsbestimmung  nach  strenggenommen
auf  die  Betrachtung  der  Gegenwart  beschränkt  und  überläßt  die  Betrachtung
des  zeitlichen  Ablaufs  anderen  Wissenschaften,  nämlich  der  historischen  Geologie,
  der  Urgeschichte,  der  Geschichte  und  deren  Zweigwissenschaften.’  “Selbstverständlich
  läßt  sich  die  geographische  Betrachtungsweise  auch  auf  jede  beliebige
  Periode  der  historischen  oder  geologischen  Vergangenheit  anwenden;
aber  diese  historische  oder  prähistorische  oder  geologische  Geographie  hat
dann  für  die  Behandlung  der  Zeit  doch  wieder  dieselben  Regeln  wie  die  eigentliche
  Geographie  zu  beachten.  Diese  aber  muß  sich  immer  bewußt  bleiben,
daß  sie  die  Wissenschaft  von  den  räumlichen  Verhältnissen  der  Erdoberfläche
in  der  Gegenwart  ist’  (S.  30).

Der  Satz:  ‘der  moderne  Geograph  muß  auch  Geologe  sein’,  wird  wohl  kaum
mehr  bestritten.  Man  geht  aber  —  und  zwar  in  der  Schulpraxis  —  weiter
und  kehrt  den  Satz  um,  wie  wir  aus  einer  Bemerkung  in  den  sächsischen
Lehrplänen  für  Realgymnasien  sehen.  Dort  heißt  es  (8  22):  “Von  Untertertia
ab  hat  die  Unterweisung  usw.  darauf  bedacht  zu  sein,  die  Erscheinungen  auf
der  Erdoberfläche  nach  ihren  ursächlichen  Zusammenhängen  zu  behandeln.  Der
Unterricht  auf  dieser  Stufe  ist  daher  tunlichst  naturwissenschaftlich  gebildeten
Lehrern  zu  übertragen  und  in  Beziehung  zum  Unterricht  in  Naturkunde  und
Naturlehre  zu  setzen.’

')  Baumeister,  Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre  IV,  94,
7)  Geogr.  Zeitschrift,  9.  Bd.