578  Kvaınann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

nach  ihrem  Wesen  die  Hilfe  von  Lineal  und  Zirkel  erfordern,  schließt  zugleich
  einen  Verzicht  auf  die  dem  freien  Zeichnen  innewohnenden  künstlerisch
anregenden  Werte  in  sich.

Die  großen  Pädagogen,  welche  zuerst  das  Zeichnen  als  einen  besonderen
Unterrichtsgegenstand  forderten,  Comenius,  Rousseau  und  Pestalozzi,  dachten,
wie  ihre  Schriften  überzeugend  dartun,  unbedingt  an  einen  Unterricht  künstlerischen
  Charakters.  Wir  finden  bei  ihnen  über  Wesen,  Ziel  und  Zweck
des  Zeichnens  völlige  Übereinstimmung.  Sie  läßt  sich  in  den  Satz  zusammenfassen:
  Das  Zeichnen  soll  eine  freie,  auf  persönlicher  Auffassung  und  Empfindung
  beruhende  Übung  in  der  Darstellung,  also  eine  Kunst,  und  die  Natur
ihre  Lehrmeisterin  sein!

Wenngleich  diese  Pädagogen  schon  vor  mehr  als  100  Jahren  die  Bahnen
eines  solchen  Unterrichtes  klar  und  deutlich  festlegten  und  besonders  die  Schüler
Pestalozzis,  vor  allem  Joseph  Schmid  und  Ramsauer,  die  Ideen  ihres  Meisters
zur  Erfüllung  zu  bringen  und  später  Niemeyer,  Harnisch,  Diesterweg  u.  a.
dieselben  weiter  zu  entwickeln  suchten,  gelang  es  doch  nicht,  das  in  jener  Zeit
allgemein  herrschende  Unwesen  des  mechanischen  Kopierens  von  Vorlagen  zu
beseitigen.  Im  Lehrplan  der  höheren  Schule  hatte  der  Zeichenunterricht  in
den  ersten  Jahrzehnten  des  verflossenen  Jahrhunderts  noch  keine  feste  Stellung.
Wo  man  ihn  fand,  da  war  er  nur  geduldet.

Daß  aber  an  der  höchsten  leitenden  Stelle  trotzdem  der  hohe  Wert  eines
rechten  Zeichenunterrichtes  auch  für  die  höhere  Schule  sehr  früh  erkannt  und
mit  allem  Nachdruck  auf  eine  fruchtbringende  Gestaltung  hingearbeitet  wurde,
das  beweist  ein  Erlaß,  den  Wilhelm  v.  Humboldt  im  Jahre  1809  als  Chef  der
Sektion  für  das  preußische  öffentliche  Unterrichtswesen  an  den  Senat  der
Königlichen  Akademie  der  Künste  in  Berlin  richtete!)  In  demselben  tadelt
er,  daß  die  höheren  Schulen  das  Zeichnen  als  eine  Nebensache  ansehen.  Vor
allem  beklagt  er  den  Mangel  einer  Methode,  die  auch  dem  weniger  befähigten
Lehrer  die  Erlangung  annehmbarer  Resultate  ermögliche.  Indem  er  die  Akademie
  um  Vorschläge  in  dieser  Richtung  ersucht,  zeichnet  er  selbst  mit  weitblickendem
  Auge  die  Aufgaben  und  Wege  des  Unterrichtes.  Er  wünscht  die
Behandlung  des  Zeichnens  als  “eine  Art  Sprache’.  Vor  allem  komme  es  darauf
an,  das  jugendliche  Gemüt  zur  Auffassung,  Darstellung  und  Erfindung  von
Formen  zu  bilden,  um  so  die  schwache  Anlage  zu  stärken,  der  entschiedenen
aber  Freiheit  zu  geben  sich  auszusprechen.  Gegenstand  des  Unterrichtes  solle
die  Natur,  vor  allem  auch  der  menschliche  Körper  sein.

Alle  diese  Männer  aber  vermochten  es  nicht,  dem  freien  Zeichnen  das  Recht
eines  obligatorischen  Lehrfaches  in  der  höheren  Schule  zu  verschaffen.  Der
Grund  dafür  lag  darin,  daß  die  höhere  Schule  sich  als  rein  wissenschaftliche
Bildungsanstalt  betrachtete  und  die  Verpflichtung  zu  haben  glaubte,  einem
Unterricht  künstlerischen  Charakters  den  Eingang  zu  wehren.

Erst  als  ein  Methodiker  auftrat,  der  das  freie  Zeichnen  seines  künst-1)

  Zum  erstenmal  abgedruckt  in  MhS.  1902.  4/5.  Heft.