Kvuıuann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  579

lerischen  Charakters  entkleidete  und  die  ihm  innewohnenden  wissenschaftlichen
Elemente  nicht  nur  in  den  Vordergrund  stellte,  sondern  bis  auf  die  äußerste
Spitze  entwickelte,  öffnete  die  deutsche  höhere  Schule  dem  Zeichenunterricht
wirklich  ihre  Pforten.

Daß  die  Entwickelung  des  Unterrichtes  nach  dieser  Richtung  als  eine  Verirrung
  anzusehen  ist,  wurde  im  Voraufgegangenen  nachgewiesen.  Die  Tatsache,
daß  damit  für  ihn  der  Weg  in  die  höhere  Schule  frei  wurde,  läßt  uns  diese
Verirrung  in  einem  milderen  Lichte,  manchem  fast  als  ein  Verdienst  erscheinen.

Der  Maler  und  Zeichenlehrer  Peter  Schmid  in  Berlin  war  es,  der  um  das
Jahr  1823,  indem  er  gegen  die  alte  geisttötende  Kopiermethode  sich  wandte,
eine  Methode  schuf,  die  die  Bildung  der  Verstandeskräfte  mit  aller  Energie
anstrebte.  Seine  Methode  stellt  die  geometrischen  Körper  als  das  für  diese
Zwecke  Geeignetste  hin  und  erblickt  in  ihnen  überhaupt  die  Grundelemente,
auf  denen  alle  Schönheit  in  Natur  und  Kunst  beruht.  Schmid  ist  der  Erfinder
der  ‘Logik  in  den  Erscheinungen’.  Seine  Unterrichtsweise  und  ihr  Erfolg  bedeuten
  den  Sieg  der  methodischen  Konsequenz  und  Strenge  über  den  freien
Geist  der  Kunst  und  die  völlige  Verneinung  der  sowohl  von  Rousseau  wie
Pestalozzi  und  Humboldt  geforderten  Berücksichtigung  der  Natur  des  Kindes.
Durch  P.  Schmid  wird  in  das  Zeichnen  mit  der  freien  Hand  das  ihm  fremde,
ja  ihm  widerstrebende  Element  der  mathematischen  Korrektheit  getragen.  Er
fordert  wörtlich:  ‘Nicht  ein  Haar  breit  darf  der  Schüler  von  der  höchsten  Genauigkeit
  abweichen.”  So  schuf  er  das  Prinzip  einer  unnatürlichen  Verguickung
der  freihändigen  Arbeit  mit  der  geometrischen  Konstruktion.  Daß  er  damit  in
einen  strikten  Gegensatz  zur  Pädagogik  des  Vaters  unserer  modernen  Schule,
zu  Pestalozzi,  tritt,  behauptet  Schmid  selbst.

Was  bisher  vergeblich  angestrebt  wurde,  gelang  der  Methode  P.  Schmids.
Der  Zeichenunterricht  wurde  als  ordentliches  Unterrichtsfach  von  der  preußischen
höheren  Schule  anerkannt.  Im  März  1831  erschienen  die  ersten  offiziellen,  im
Sinne  dieser  Methode  gehaltenen  Lehrpläne  für  den  Zeichenunterricht  an  den
Gymnasien  und  höheren  Bürgerschulen.  Etwa  um  dieselbe  Zeit  fand  er  auch
Aufnahme  in  der  höheren  Schule  der  anderen  deutschen  Länder.

Neben  den  angeführten  Momenten  waren  es  noch  andere,  welche  die  Entwickelung
  des  Zeichenunterrichtes  in  unseren  höheren  Schulen  beeinflußten  und
ihn  von  seiner  eigentlichen  Aufgabe  wegführten.

Die  ersten  Weltausstellungen  in  Paris,  London  und  Wien  hatten  zu  der
Überzeugung  geführt,  daß  dem  Gewerbe  und  der  Industrie  eine  gründliche
zeichnerische  Bildung  not  tue.  In  allen  deutschen  Staaten  wurden  deshalb  gewerbliche
  Zeichenschulen  gegründet.  Um  den  Handwerker  zu  einer  größeren
Genauigkeit  in  der  Arbeit  zu  erziehen,  wurden  dem  ersten  Zeichenunterricht
die  regelmäßigen  geometrischen  Formen  zugrunde  gelegt;  um  ihm  das  Verständnis
  des  Ornamentes  zu  vermitteln,  wurde  als  Übungsstoff  der  oberen  Stufe
das  historische  Ornament  gewählt.  Im  Interesse  des  Gewerbes  ging  man  in
manchen  Staaten  so  weit,  den  Zeichenunterricht  auch  der  höheren  Lehranstalten

(sogar  den  der  humanistischen)  der  gewerblichen  Behörde  direkt  zu  unter-37°
