580  Kuaruann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

stellen.!)  Überall  ward  er  den  gewerblichen  Einflüssen  zugänglich,  und  da  ihre
Ziele  und  Zwecke  nicht  im  entferntesten  allgemein  erziehliche,  sondern  einseitig
praktische  sind,  trugen  sie  dazu  bei,  eine  noch  gründlichere  Ablenkung  von
dem  eigentlichen  Ziele  herbeizuführen.  Der  Unterricht  der  höheren  Schulen
im  freien  Zeichnen  war  in  ganz  Deutschland  in  den  letzten  Jahrzehnten,  im
Einklange  mit  dem  gewerblichen  Unterricht:  auf  der  Unterstufe  eine  Konstruktion
  von  geometrischen  Figuren  aus  freier  Hand  und  nach  Augenmaß,  auf
der  oberen  eine  Formenlehre  der  Ornamentik.

Bis.an  das  Ende  des  verflossenen  Jahrhunderts,  also  fast  70  Jahre  hindurch,
ist  die  von  P.  Schmid  dem  Zeichenunterricht  gegebene  Richtung  in  Deutschland
befolgt  worden,  und  die  Abneigung  der  deutschen  höheren  Schule  gegen  einen
Zeichenunterricht  künstlerischer  Richtung  unvermindert  geblieben.)  Daß  der
neugeschaffene  Stand  der  Zeichenlehrer  dem  Druck  von  seiten  der  Schule,  den
Freihandzeichenunterricht  mehr  und  mehr  zu  einem  wissenschaftlichen  zu  gestalten,
  nachkam,  kann  ihm  gewiß  nicht  zum  Vorwurf  gereichen,  wenn  man
berücksichtigt,  daß  er  nur  auf  diese  Weise  sich  und  seinem  Unterrichtsfache
eine  sichere  Stellung  im  Organismus  der  Schule  zu  schaffen  vermochte.

Von  den  verschiedenen,  im  Prinzip  jedoch  sich  gleichenden  Methoden  jener
Zeit,  gewann  die  des  Leipziger  Zeicheninspektors  und  bekannten  Illustrators
Fedor  Flinzer  den  größten  Einfluß  auf  den  Unterricht  in  den  höheren  Schulen,
besonders  des  nördlichen  Deutschlands.  Der  Lehrgang  dieser  Methode,  der  als
allgemeiner  Typus  des  Lehrganges  jener  Zeit  bezeichnet  werden  darf,  wird  von
Flinzer  selbst  kurz  so  dargestellt:

‘Der  Unterricht  beginnt  im  Alter  des  Sextaners  und  wird  durch  alle  Stufen
bis  Tertia  einschließlich  als  Massenunterricht  erteilt,  wobei  durch  episodische  Übungen
dafür  gesorgt  ist,  daß  die  Befähigung  einzelner  Schüler  berücksichtigt  wird.  Die

1)  In  Württemberg  besteht  diese  Einrichtung  bis  in  die  neueste  Zeit.

»)  Einen  vollgültigen  Beleg  dafür  und  zugleich  die  damals  geltenden  Gründe  enthält
das  Referat  des  Direktors  W.  Butz  an  der  Albinusschule  zu  Lauenburg,  für  die  Versammlung
  der  Direktoren  von  Schleswig-Holstein  im  Jahre  1886.  Dir.  Butz  urteilt  dort:  ‘Die
bekannte  Erscheinung,  daß  ein  Unterrichtsgegenstand  —  z.  B.  Naturgeschichte,  Geographie,
Zeichnen  u.a.  —,  der  in  eine  Lehranstalt  älterer  Organisation  neu  eingeführt  wird,  zunächst
und  auf  längere  Zeit  hinaus  mit  Hindernissen  und  Schwierigkeiten  mancherlei  Art  kämpfen
muß,  hat  unter  anderen  einen  berechtigten  und  unberechtigten  Grund.  Der  erstere
liegt  in  dem  Umstande,  daß  ein  Unterrichtsobjekt  an  einer  Lehranstalt,  welche  die  allgemeine
  Bildung  zum  Zwecke  hat,  erst  dann  volles  Bürgerrecht  erwerben  kann,  wenn  er
sich  zur  Wissenschaft  entwickelt  hat....  Mancher  hat  dann  dem  Zeichnen  als
Kunst  vielleicht  noch  seine  Existenz  gegönnt;  aber  als  solche  hat  es  nur  für  verhältniamäßig
  wenige,  besonders  künstlerisch  beanlagte  Naturen  Wert.  Keine  Kunst,  welcher
Art  und  wie  schön  und  erhaben  sie  auch  sei,  kann  Unterrichtsgegenstand
einer  allgemeinen  Bildungsanstalt  sein.  Erst  nachdem  die  in  jeder  wirklichen
Kunst  unzweifelhaft  verborgen  liegende  Wissenschaft  sichtbar  geworden  und  von  derselben
gleichsam  losgelöst  und  selbständig  gemacht  ist,  kann  die  Frage  ernstlich  gestellt  werden,
ob  diese  neue  Wissenschaft  dem  Bildungs-  und  Erziehungszwecke  einer  Anstalt  dienstbar
gemacht  werden  kann,  die  weder  Kunst-  noch  Fachschule  sein  will,  sondern  sich  die  allgemeine
  geistige  Ausbildung  als  Ziel  gesetzt  hat.’