Kusıwamn:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  581

Benutzung  irgendwelcher  messender  oder  leitender  Hilfsmittel  ist  untersagt,  der
Lehrgang  streng  gegliedert.  Im  ersten  Unterrichtsjahr  wird  das  Zeichnen  der  regelmäßigen,
  im  zweiten  das  der  unregelmäßigen  ebenen  Gebilde,  namentlich  des  Flachornamentes,
  getrieben.  Im  dritten  folgt  das  Körperzeichnen  nach  dem  Eisenstab-  und
Holzmodell  im  Kontur,  wobei  größere  Elementarkörper  (38—76  cm)  als  von  der
Klasse  gemeinschaftlich  zu  zeichnende  dienen,  und  im  vierten  das  ebenfalls  gemeinschaftliche
  Schattieren  nach  dem  plastischen  Körpermodell  von  verschiedenem  Material.
  Jede  Übung  des  ganzen  Lehrganges  wird  mit  Beteiligung  der  Schüler  vorher
gründlich  besprochen,  die  Konstruktion  (!K.)  jeder  Figur  durch  das  eingehende  Betrachten
  derselben  gefunden.”  (Jb.  I.)

Im  letzten  Jahrzehnt  des  verflossenen  Jahrhunderts  kam  bei  einigen  Methodikern
  ein  Stilisieren  und  Kombinieren  von  Pflanzenformen  hinzu,  in  der  Absicht,
  dem  Unterricht  einen  engeren  Anschluß  an  Natur  und  Kunst  zu  geben.
Da  aber  diese  Übungen  lediglich  ein  unter  ein  starres  geometrisches  Prinzip
gestelltes,  nach  gegebenen  Regeln  ausgeführtes  mechanisches  Ausfüllen  von
Flächen  blieb,  wurde  die  Absicht  nicht  im  entferntesten  erreicht.

Das  Problem,  eine  Methode  des  Zeichnens  ähnlich  der  der  wissenschaftlichen
  Fächer  zu  schaffen,  ist  in  dieser  Periode  sicher  gelöst  worden.')  Es  kann
nicht  geleugnet  werden,  daß  der  Unterricht  damit  eine  feste  und  gesicherte
Stellung  im  Lehrplan  der  höheren  Schule  erwarb.  Aber  ebensowenig  vermögen
wir  in  Abrede  zu  stellen,  daß  mehr  und  mehr  der  Geist  abhanden  kam,  von
dem  die  Pädagogik  ausging,  als  sie  zuerst  seine  Berücksichtigung  für  die
Menschenerziehung  forderte.  Die  weiteste  Entfernung  von  dem  ursprünglichen
und  wahren  Ziele  bedeuten  die  vom  ‘Verein  deutscher  Zeichenlehrer’  im  Jahre
1879  aufgestellten  und  bis  zum  Jahre  1902,  also  23  Jahre  hindurch,  aufrecht
erhaltenen  “Grundsätze’?),  in  denen  das  freie  Zeichnen  den  wissenschaftlichen
Fächern  zugeordnet,  die  Berücksichtigung  der  Neigung  und  Begabung  des  Schülers
strikte  verworfen,  strenger  Massenunterricht  bis  zur  höchsten  Stufe  verlangt,  die
Natur,  wie  überhaupt  jedes  organische  Gebilde,  unbedingt  vom  Unterricht  ausgeschlossen
  wird,  dagegen  vor  allem  stilisierte  Gebilde,  “die  ohne  künstlerische
Befähigung  bewältigt  werden  können’,  als  Unterrichtsstoff  gefordert  werden.

Im  Gegensatz  zu  dieser  Abkehr  des  praktischen  Zeichenunterrichtes  von  Natur
und  Kunst  beobachten  wir  eine  immer  größere  Annäherung  an  sie  seitens  der
höchsten  Schulbehörden  in  ihren  offiziellen  Lehrplänen.  Die  preußischen  Lehrpläne
  von  1882  fordern  neben  dem  Zeichnen  von  Naturformen  auf  den  oberen
Stufen  auch  das  Skizzieren  und  die  Berücksichtigung  der  individuellen  Begabung.
Die  Einführung  der  oben  erwähnten  Grundsätze  des  Vereins  deutscher  Zeichenlehrer
  wird  ausdrücklich  abgelehnt.)  Die  Lehrpläne  von  1892  gestalten  den
Anschluß  an  die  Natur  noch  enger.  Die  Lehrpläne  Sachsens  von  1884  ver-1)

  Neben  der  Flinzerschen  seien  noch  die  Methoden  von  Herdtle-Stuttgart,  Stuhlmann-Hamburg,
  Weishaupt-München,  Kumpa-Darmstadt  genannt,  welche  in  ihrem  Heimatlande
und  mehr  oder  weniger  über  die  Grenzen  desselben  hinaus  Geltung  fanden.

#,  Wurden  1887  revidiert,  blieben  in  ihren  Grundprinzipien  aber  unverändert.

°®,  Erlaß  vom  26.  Februar  1880.