582  Kuuusann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

folgen  dieselbe  Richtung,  fordern  die  Berücksichtigung  der  ‘Neigungen’  des
Schülers  und  das  “Schönzeichnen’  nur  da,  wo  Anlage  und  Neigung  dazu  vorhanden
  sind.  Auf  gleichem  oder  doch  ähnlichem  Boden  stehen  die  Lehrpläne
Badens  von  1897.!)  In  Wirklichkeit  freilich  ist,  wie  schon  dargestellt  wurde,
trotz  der  kunstfreundlichen  Richtung  der  Lehrpläne  der  Unterricht  überall  im
Banne  der  wissenschaftlichen  Methode  geblieben.

So  unterliegt  denn  der  Zeichenunterricht  an  unseren  höheren  Schulen  in
dieser  Periode  einer  doppelten  Tendenz,  neben  der  wissenschaftlichen  zugleich
der  gewerblichen.  Die  erstere  finden  wir  mehr  in  den  norddeutschen,  die  zweite
mehr  in  den  süddeutschen  Staaten  ausgeprägt.

Trotz  (oder  besser  gesagt:  wegen)  der  im  Zeichenunterricht  so  sehr  in  den
Vordergrund  gedrängten  Verstandesbildung  und  des  abstrakten  Denkens,  waren
die  wirklichen  Ergebnisse  desselben  für  die  geistige  Entwickelung  der  Schüler
von  sehr  geringem  Wert.  Während  ein  die  künstlerischen  Momente  hervorhebender
  Unterricht  fühig  gewesen  wäre,  der  in  der  höheren  Schule  vorzugsweise
  geübten  abstrakten  Geistestätigkeit  ein  den  Geist  erfrischendes  Gegengewicht
  und  eine  für  die  harmonische  Bildung  notwendige  Ergänzung  zu  liefern,
mußte  solcher  Zeichenunterricht  die  Schüler  ermüden  und  unbefriedigt  lassen,
zumal  sie  das  Gefühl  gewannen,  daß  die  in  ihm  geübte  geistige  Tätigkeit  nur  eine
schwächliche  Wiederholung  der  in  der  Mathematikstunde  geübten  war.  Das  lebendige
  Interesse,  welches  jedes  Kind  von  Natur  für  das  Zeichnen  in  die  Schule
mitbringt,  schwand,  und  an  seine  Stelle  trat  Abneigung  gegen  dasselbe  und
zwar  —  und  das  mußte  als  das  Bedenklichste  erscheinen  —  besonders  bei  den
künstlerisch  Begabten.  Wie  wenig  dieser  Zeichenunterricht  für  die  Entwickelung
  der  Beobachtungsfähigkeit  leistete,  beweisen  die  fortgesetzten  lauten  Klagen
der  Universitätsprofessoren,  besonders  der  Medizin.  Daß  er  der  Kunst  und  der
künstlerischen  Erziehung  nichts  nutzte,  daß  er  ihnen  vielmehr  direkt  entgegenwirkte,
  braucht  kaum  gesagt  zu  werden.

Während  der  Schulzeichenunterricht  sich  immer  mehr  der  Natur,  zugleich
dem  Wesen  der  Kunst  wie  dem  Interesse  des  Kindes  entfremdete  und  völlig
in  methodischer  Kleinigkeitskrämerei  und  Schematismus  erstarrte,  entwickelte
sich  auf  dem  Gebiet  der  bildenden  Kunst,  der  Psychologie  und  zugleich  auf
dem  der  Pädagogik  in  den  beiden  letzten  Jahrzehnten  des  abgeschlossenen
Jahrhunderts  ein  neues  Leben.  Die  Psychologie  vertiefte  sich  mehr  und  mehr
in  das  Studium  der  Natur  des  Kindes,  wies  nach,  welche  Kräfte  und  Regungen
seine  Seele  erfüllen  und  nach  welchen  Gesetzen  sie  sich  entwickeln;  die  Pädagogik
  suchte  auf  allen  Gebieten  des  Unterrichtes  dieser  neuen  Erkenntnis
Rechnung  zu  tragen;  die  Kunst  versenkte  sich  tiefer  und  tiefer  in  das  Studium
der  Natur;  das  Leben  mit  seinen  immer  schwieriger  werdenden  Aufgaben  und
seinem  immer  heftiger  werdenden  Kampf  ums  Dasein  erhob  an  die  Schule  die
Forderung  einer  kräftigeren  Erziehung  des  Charakters  und  der  Persönlichkeit,

)  Eine  Ausnahme  machen  Bayern  und  Württemberg,  in  welch  letzterem  Staate  die
Bestimmungen  von  1885  Geltung  behalten,  wonach  der  Zeichenunterricht  auch  an  den
höheren  Schulen  ganz  in  gewerblichem  Sinne  zu  leiten  ist.