Kvurmanx:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  583

einer  Berücksichtigung  und  Wertung  der  persönlichen  Anlagen;  das  Sehnen
nach  künstlerischem  Genießen  erwachte,  und  die  Frage  der  künstlerischen  Erziehung
  beherrschte  bald  das  ganze  Feld  der  pädagogischen  Diskussion.  Von
Wissenschaft,  Kunst  und  Industrie  unterstützt,  erhob  die  Allgemeinheit  die
Forderung  einer  besseren  Entwickelung  der  Beobachtungskraft  und  einer  größeren
Betonung  des  gegenständlichen,  anschauenden  Denkens,  gegenüber  dem  bisher
einseitig  geübten  begrifflich  abstrakten.  Durch  alles  dieses  wurde  der  Blick
auf  den  Schulzeichenunterricht  gelenkt,  der  nicht  wenige  dieser  neuen  Aufgaben
zu  erfüllen  berufen  erschien.  Sein  unendlich  weiter  Abstand  von  seinem  eigentlichsten
  Ziele  kam  zum  allgemeinen  Bewußtsein,  und  so  genügte  eine  verhältnismäßig
  kurze  Zeit,  ihn  in  eine  so  tiefgehende,  gewaltige  Reformbewegung  zu
führen,  wie  sie  kaum  ein  anderes  Unterrichtsfach  je  erlebt  hat.  Besonders  die
Psychologie  stellte  durch  das  Ergebnis  ihrer  Untersuchungen  dem  Zeichenunterricht
  neue,  schwierige  Probleme,  zu  deren  Lösung  keinerlei  praktische
Vorarbeiten  und  Erfahrungen  vorlagen.

Das  Verdienst,  die  Aufmerksamkeit  auf  die  falschen  Wege  des  Schulzeichenunterrichtes
  am  eindrucksvollsten  gelenkt,  zugleich  die  Richtung  eines
rationelleren  Weges  gewiesen  zu  haben,  gebührt  in  erster  Linie  dem  Kunstgelehrten
  Dr.  Hirth  in  München  und  neben  ihm  dem  Professor  der  Kunstgeschichte
  Dr.  Konrad  Lange  in  Tübingen-!)

Die  Reformvorschläge,  welche  besonders  bei  Hirth  auf  eine  völlige  Umkehr,
einen  totalen  Umsturz  hinausliefen,  fanden  erklärlicherweise  in  den  Kreisen  der
praktischen  Zeichenlehrer  zunächst  mehr  Gegner  als  Freunde  und  seitens  der
Führer  und  Vertreter  der  wissenschaftlichen  Richtung  schroffe  Ablehnung.
Einige  Zeichenlehrer  aber  begrüßten  sie  jubelnd  als  die  Erlösung  aus  schwer
niederdrückenden  Fesseln.  Von  seiten  der  Vertreter  der  alten  Richtung  wurden
sie  als  unpädagogisch,  zum  mindesten  als  praktisch  undurchführbar  zurückgewiesen.
  Träger  und  Vorkämpfer  des  Reformgedankens  in  Deutschland  wurde
die  unter  dem  Einfluß  Alfred  Lichtwarks  begründete  ‘Lehrervereinigung  für  die
Pflege  der  künstlerischen  Bildung’  in  Hamburg.  Die  praktischen  Arbeiten  ihrer

!)  In  seiner  1887  erschienenen  Schrift:  ‘Ideen  über  Zeichenunterricht  und  künstlerische
Berufsbildung’  erklärt  Hirth  das  Zeichnen  für  so  wichtig  wie  Schreiben  und  Lesen.  Der
Unterricht  soll  nicht  Wert  auf  das  glatte,  schöne  Zeichnen  von  farblosen  Gipsmodellen
legen,  sondern  den  Schüler  dahin  bringen,  daß  er  mit  einer  gewissen  Leichtigkeit  nicht
nur  die  Gegenstände  der  Natur,  sondern  auch  die  Bewegungen  lebender  Wesen  und  die
Einfälle  seiner  Phantasie  klar  darzustellen  vermöge.  Der  Unterricht  solle  an  die  naiven
Kritzeleien  des  Kindes  anknüpfen  und  sich  seiner  psychologischen  Entwickelung  anschließen.
Das  Zeichnen  aus  dem  Gedächtnis  sei  besonders  zu  pflegen.  In  den  ersten  Jahren  dürfe
gar  kein  Gewicht  darauf  gelegt  werden,  wie  das  Kind  zeichne,  sondern  daß  es  gern  und
viel  zeichne.

Langes  Forderungen  und  Vorschläge,  niedergelegt  in  seinem  Buche  ‘Die  künstlerische
Erziehung  der  deutschen  Jugend’  (1892),  haben  vieles  mit  denen  Hirths  gemeinsam.  Insbesondere
  weist  Lange  nach,  daß  das  freie  Zeichnen  gerade  dann  einen  Wert  und  eine
Existenzberechtigung  vor  allem  auch  für  das  Gymnasium  habe,  wenn  es  seinen  künstlerischen
  Charakter  und  seine  sinnliche  Eigenart,  kurz  seinen  Gegensatz  zu  den  gelehrten
Fächern  hervorhebe.