584  Kousıuann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

Mitglieder  bewiesen  nicht  nur  die  Durchführbarkeit  und  Zweckmäßigkeit  vieler
von  anderer  Seite  abgewiesener  Reformvorschläge,  sondern  begründeten  auch
selbständig  neue  Wege.

Fördernd  auf  die  Reform  in  Deutschland  wirkte  auch  das  Studium  des  Auslandes.
  In  England  und  Amerika  besonders  fand  man  ein  Streben  nach  gleichen
Zielen.  Vor  allem  war  man  Deutschland  in  bezug  auf  das  Studium  der  Kindheit
voraus.  Von  dem  Vorsprunge  dieser  Länder  konnte  man  sich  bei  Gelegenheit  der
Weltausstellung  in  Paris  (1900)  überzeugen,  wo  die  Selbständigkeit,  Natürlichkeit
und  Leichtigkeit  des  zeichnerischen  Ausdrucks  seitens  der  amerikanischen  Schüler
gegenüber  der  Ängstlichkeit,  Unselbständigkeit  und  Unnatürlichkeit  der  unseren  aufs
höchste  überraschte  und  den  Beweis  von  der  Richtigkeit  und  Durchführbarkeit  der
neuen  Wege  lieferte.

Zu  den  wichtigsten  Fragen,  welche  von  der  Reform  aufgerollt  wurden,
gehören  folgende:

1.  Was  ist  das  Zeichnen  seinem  Wesen  nach?

Das  Zeichnen  ist  ein  Ausdrucksmittel  für  Vorstellungen,  eine  Sprache  von
selbständigem  Wert  neben  der  Wortsprache.  Der  Unterricht  muß  zu  der  Fähigkeit
  erziehen,  diese  Sprache  bis  zu  einem  gewissen  Grade  mit  Leichtigkeit  zu
handhaben.  Es  wird  deshalb  seine  Aufgabe  sein,  durch  Erziehung  zu  scharfer
Beobachtung  der  Dinge  der  Natur  nach  Form,  Farbe  und  Beleuchtung  und  des
Lebens  mit  all  seinen  Vorgängen  und  Erscheinungen,  den  Geist  des  Kindes  mit
klaren  Vorstellungen  zu  füllen,  zugleich  zu  einer  freien  Gestaltung  und  Wiedergabe
  derselben  zu  veranlassen  und  weiter  die  eigentlichen  Sprachorgane,  Arm
und  Hand,  so  geschickt  zu  machen,  daß  sie  mit  Leichtigkeit  ihre  Tätigkeit  vollziehen.
  Da  die  freie  Gestaltung  ein  Arbeiten  aus  dem  Gedächtnis  ist,  so  tritt
das  Gedächtniszeichnen  dem  Zeichnen  nach  der  Wirklichkeit  gleichwertig  zur
Seite.  Weil  Vorstellungen  nicht  nur  bildlich  in  der  Fläche,  sondern  oft  vollkommener
  räumlich  ausgedrückt  werden  können,  so  berücksichtigt  die  Reform
auch  das  plastische  Formen  (Modellieren).  Somit  fordert  sie:  Gestalten  nach
der  Wirklichkeit  sowie  aus  dem  Gedächtnis  und  Übung  der  Geschicklichkeit.
Mit  dieser  Entwickelung  der  “wahrnehmenden  und  schaffenden  Kräfte  am  Gegenständlichen’
  wird  der  Zeichenunterricht  der  vornehmste  Träger  der  künstlerischen
Erziehung.

Wenn  die  Gegner  der  Reform  das  Gedächtniszeichnen  als  Spielerei  verwerfen
und  deshalb  gefahrbringend  erachten,  weil  der  Schüler  aus  dem  Gedächtnis  ‘falsch’
zeichnet,  so  haben  sie  damit  eine  geringe  Einsicht  in  die  kfinstlerisch  schaffende
Tätigkeit  und  in  die  Absichten  der  Reform  bewiesen.  Die  Reform  bleibt  bei  der
Gedächtniszeichnung  ja  nicht  stehen,  sondern  sie  will  durch  die  Darstellung  aus  dem
Gedächtnis  zunächst  den  Grad  der  Richtigkeit  der  Vorstellung  feststellen,  dann  aber
auf  diese  berichtigend  einwirken.  Wenn  die  Gegner  weiter  die  Geschicklichkeitsübungen
  (Freiarmübungen)  “als  Abrichtung  zu  geistlosem  Tun’  bezeichnen,  so  haben
sie  übersehen,  daß  diese  Übungen  in  der  Weise  vorgenommen  werden  können  und
sollen,  daß  auch  der  Geist  angemessen  beschäftigt  wird.