Kunıuann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  585

2.  Wie  soll  der  Unterricht  sich  zur  Natur  des  Kindes  stellen?

Wahrhaft  erziehlich  wirkt  ein  Unterricht  nur,  wenn  er  ein  tiefgehendes,
nachhaltiges  Interesse  im  Zögling  erzeugt,  und  dies  ist  nur  möglich,  wenn  er
seine  Stoffe  aus  dem  Interessenkreise  des  Kindes  wählt,  die  wiederum  durch
seine  psychologische  Entwickelung  bedingt  sind.  Die  Reform  fordert  deshalb
die  Berücksichtigung  dieser  und  damit  engsten  Anschluß  an  die  Natur  des
Kindes;  sie  fordert  die  Berücksichtigung  seiner  Anlagen  und  Neigungen,  die
Anknüpfung  an  die  kindlich  naive  Darstellungsweise,  an  den  Drang  der  Kleinen
zum  Erzählen  (Illustrieren),  an  ihre  Freude  an  der  Farbe,  die  sie  deshalb
schon  in  den  ersten  Unterricht  einführt.  Das  Kind  handhabt  vor  der  Schulzeit
den  zeichnerischen  Ausdruck  gern  und  leicht.  Damit  diese  Lust  und  die  darin
liegenden  künstlerischen  Keime  nicht  absterben,  verlangt  sie  die  Einführung
des  Zeichenunterrichtes  mit  dem  Beginn  der  Schule  und  die  Pflege  des  Zeichnens
  vor  dem  Schreiben  und  zwar  an  allen  Lehranstalten  und  in  allen  Klassen
als  Pflichtunterricht.  Auf  allen  Stufen  fordert  sie  die  Berücksichtigung  des
natürlichen  Gestaltungstriebes,  die  Achtung  und  Pflege  der  Individualität,  nicht
nur  in  der  geistigen  Auffassung,  sondern  auch  in  der  technischen  Ausführung.

Die  Gegner  behaupten,  daß  ein  solcher  Unterricht  nicht  nur  zur  Systemlosigkeit
  und  Willkür,  sondern  zu  Schlimmerem,  zu  Spielerei,  zu  einer  Herrschaft  der
Laune  der  Schüler  über  den  Lehrer,  zu  völliger  Anarchie  führen  müsse.  Eine
schematische  Methode  freilich,  wie  aus  der  wissenschaftlichen  Auffassung,  läßt  sich
aus  der  neuen  künstlerischen  nicht  machen.  Die  hier  geschilderten  Gefahren  bestehen
  jedoch  nur  für  den  unfähigen  Lehrer.  Für  einen  Lehrer  mit  künstlerischem
und  pädagogischem  Geschick  bestehen  sie  nicht;  dieser  wird  nicht  trotz,  sondern
gerade  auf  Grund  der  weitesten  Freiheit  und  Berücksichtigung  des  Individuellen
Resultate  auch  mit  der  Allgemeinheit  erreichen,  seine  innere  Befriedigung  im  Unterricht
  finden  und  den  Weg  nicht  plan-  und  ziellos  gehen.  Eine  tüchtige,  künstlerisch
  und  pädagogisch  gebildete  Lehrerschaft  setzt  ein  solcher  Unterricht  freilich
unbedingt  voraus  und  die  Reformer  sind  durchdrungen  von  der  Überzeugung,  daß
die  Frage  der  Reform  nicht  lösbar  ist,  ohne  die  vorherige  Lösung  der  Frage  der
Lehrerbildung.

3.  In  welchem  Umfange  ist  das  Gedächtniszeichnen  aufzunehmen?

Wenn  das  Zeichnen  ein  wirkliches  Ausdrucksmittel  werden  soll,  so  ist  das
Gedächtniszeichnen,  als  die  Grundlage  des  freien  Ausdrucks,  auf  allen  Stufen
zu  pflegen.  Es  hat  sich  nicht  nur  auf  die  ganze  Welt  der  wirklichen  Erscheinungen,
  sondern  auch  auf  vom  Schüler  Gedachtes  und  Erfundenes  zu  erstrecken;
  es  dient  also  vor  allem  auch  der  Phantasie.  Besonders  ist  aber  zu  berücksichtigen,
  daß  des  Kindes  erstes  Zeichnen  ein  Darstellen  aus  dem  Gedächtnis
  ist,  und  daß  es  auch  bei  seinem  Eintritt  in  die  Schule  auf  dieser  Stufe  der
psychologischen  Entwickelung  steht.  Deshalb  hat  auch  das  Schulzeichnen  im
allgemeinen  mit  dem  Gedächtniszeichnen  zu  beginnen  (natürlich,  sofern  der
Unterricht  mit  dem  Eintritt  in  die  Schule  einsetzt)  und  sich  nach  und  nach
zum  Zeichnen  nach  der  Wirklichkeit  zu  entwickeln.