586  Krsısass:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß,  wie  jede  Übertreibung,  so  auch  eine  Übertreibung
der  Darstellung  aus  dem  Gedächtnis  schädigend  wirken  muß,  und  daß,  wenn  nicht  durch
Beobachtung  der  Wirklichkeit  korrigierend  auf  die  falsche,  durch  das  Gedächtniszeichnen
  zum  Ausdruck  kommende  Vorstellung  eingewirkt  wird,  diese  sich  festsetzen
muß.  Es  wird  deshalb  geboten  sein,  stets,  und  auch  schon  auf  der  untersten  Stufe,
neben  dem  Gedächtniszeichnen  das  Zeichnen  nach  der  Wirklichkeit  in  angemessener
Form  und  in  gebotenem  Umfange  zu  treiben.  Diejenigen  aber,  die  das  Gedächtniszeichnen
  auch  in  diesem  Sinne  noch  für  gefährlich  halten,  mögen  bedenken,  daß
durch  das  Zeichnen  die  Vorstellung  selbst  nicht  gebildet,  sondern  nur  ausgedrückt  wird.

4.  Wie  erzieht  der  Zeichenunterricht  zu  scharfer  Beobachtung?

Nicht,  indem  er,  wie  die  wissenschaftliche  Richtung  es  tut,  z.  B.  beim
perspektivischen  Zeichnen  Regeln  und  Gesetze  gibt,  nach  denen  die  Körper
perspektivisch  richtig  gezeichnet  werden  können  —  dieses  Wissen  würde  den
Schiller  der  scharfen  Beobachtung  überheben  —,  sondern,  indem  er  ihn  ohne  jede
Kenntnis  dieser  Gesetze,  unter  scharfer  Beobachtung  der  perspektivischen  Erscheinungen
  die  Darstellung  selbständig  versuchen  läßt.  Ebenso  verhält  es  sich
mit  der  Farbe.  Nicht  theoretische  Belehrung  über  die  Farbe,  sondern  selbständige
  Beobachtung  und  praktische  Beschäftigung  allein  führen  zum  Ziel.  Zu
scharfer  Beobachtung  erzieht  auch  nicht  so  sehr  das  langsame,  auf  peinliche
Ausführung  gerichtete  Zeichnen,  sondern  vielmehr  die  unmittelbare,  schnelle  Auffassung
  und  Darstellung.  Deshalb  pflegt  die  Reform  neben  jener  das  sogenannte
‘Skizzieren’  in  hervorragendem  Maße.  Dieses  führt  zur  Auffassung  des  Charakteristischen
  einer  Erscheinung  und  leistet  damit  dem  Leben  und  der  Kunst  große
Dienste.  Das  hervorragendste  Werkzeug  zur  Erreichung  einer  unmittelbaren
Darstellung  ist  der  Pinsel,  da  man  mit  ihm  Form,  Farbe  und  Beleuchtung
gleichzeitig  auszudrücken  vermag.  Die  Reform  verwendet  deshalb  den  Pinsel
nicht  nur  malend,  sondern  in  diesem  Sinne  auch  zeichnend.

Die  Gegner  der  Reform  machen  geltend,  daß  das  Zeichnen  ohne  Kenntnis  der
perspektivischen  Gesetze  stets  falsche  Zeichnungen  ergibt.  Die  Reformer  betonen
diesem  Vorwurf  gegenüber,  daB  die  Schüler  an  diesen  falschen  Zeichnungen  mehr
lernen,  als  an  solchen  richtigen,  die  durch  das  Wissen  entstehen;  sie  betonen  weiter,
daß  das  Auge  erst  nach  und  nach  gebildet  werden  und  die  Richtigkeit  in  einer
Schülerzeichnung  überhaupt  nur  eine  relative  sein  kann.  Wenn  die  Gegner  der
Reform  das  Skizzieren  verwerfen,  so  geschieht  es,  weil  sie  dieser  Übung  fälschlich  die
wörtliche  Deutung  von  “leichtsinnig’  und  ‘flüchtig’  geben.  Die  Reform  faßt  das  Skizzieren
aber  anders  und  tiefer  auf,  nämlich  als  eine  Darstellung  des  Charakteristischen  in
kurzer  Zeit,  bei  Anwendung  geringer  Mittel.  Daneben  muß  hervorgehoben  werden,
daß  gerade  das  Skizzieren,  diese  abgekürzte  Darstellung,  für  das  praktische  Leben
den  größten  Wert  hat,  des  Schülers  ganzes  Interesse  erregt,  und  daß  auch  der
darin  oft  Tüchtiges  leistet,  der  an  den  peinlichen  Ausführungen  erlahmt  ist.  Es
wird  von  der  Reform  ferner  betont,  daß  das  Skizzieren  eine  vollberechtigte  Form
des  künstlerischen  Ausdrucks  ist  und  daß  gerade  in  ihr  sich  das  Talent  offenbart.
—  Alle  Einwendungen  der  Gegner  der  Reform  gegenüber  dem  Pinselzeichnen
treffen  das  auf  einen  Drill  ausgehende  englische.  Das  von  den  deutschen  Reformern