Kusıuans:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.  587

geübte  und  empfohlene  deckt  sich  mit  diesem  aber  durchaus  nicht,  stellt  vielmehr
eine  auf  das  Erfassen  der  Gesamterscheinung  (Form,  Farbe  und  Beleuchtung  gleichzeitig)
  gerichtete,  zu  schärfster  Beobachtung  erziehende  geistige  Tätigkeit  dar.

In  diesen  Sätzen  ist  die  Auffassung  der  Reform  betreffs  der  Aufgaben,
Ziele  und  Wege  des  Zeichenunterrichts  kurz  charakterisiert  und  die  Richtung
angegeben,  in  der  sich  der  Zeichenunterricht  der  Zukunft  entwickeln  wird.  Die
begonnene  Reformbewegung  hat,  wie  wohl  kaum  geleugnet  werden  kann,  damit
die  Spur  des  Weges  wieder  aufgenommen,  auf  den  die  eingangs  genannten
großen  Pädagogen  den  Unterricht  einst  gewiesen  haben,  die  Richtung,  die  auch
W.  v.  Humboldt  ihm  gezeigt  hat.  Sie  ist  beflissen,  diese  Wege  unter  Verwertung
  der  neuen  Ergebnisse  der  psychologischen  Wissenschaft  im  Einklange
mit  dem  künstlerischen  Empfinden  unserer  Zeit  auszubauen.

Aus  dem  Voraufgegangenen  geht  überzeugend  hervor,  daß  es  sich  bei  dieser
Reform  um  mehr  als  eine  neue  Methode,  daß  es  sich  in  Wahrheit  um  ganz
neue  Ziele,  um  eine  völlig  andere  Auffassung  des  Wesens  des  freien  Zeichnens
handelt,  daß  ein  Kompromiß  zwischen  dem  Alten  und  Neuen  unmöglich  ist.

Wie  stellen  sich  die  offiziellen  Lehrpläne  der  verschiedenen  Staaten
Deutschlands  zu  den  Reformideen?

Von  den  offiziellen  Lehrplänen  zeigen  schon  in  der  voraufgegangenen  Periode
die  preußischen  eine  enge  Anlehnung  an  die  Bahnen  der  künstlerischen  Richtung.
Bei  der  letzten  Reform  seiner  Lehrpläne  (1901)  hat  Preußen  sich  als  direkt  bahnbrechend
  bewiesen,  indem  es  seine  Lehrpläne  des  freien  Zeichnens  durchaus  auf
den  Boden  des  Grundsatzes  stellte:  ‘Das  freie  Zeichnen  vertritt  im  Lehrplan  der
höheren  Schule  die  bildende  Kunst.’!)  Der  Unterricht  setzt  schon  auf  der  Unterstufe
  (V  u.IV)?)  mit  der  Darstellung  von  Naturformen  und  Dingen  des  praktischen
Lebens  aus  dem  Gesichtskreise  des  Schülers,  mit  Übungen  im  Treffen  von  Farben
nach  Naturblättern  und  Schmetterlingen  usw.  sowie  im  Skizzieren  und  im
Zeichnen  aus  dem  Gedächtnis  ein.  In  UHI  und  OIII  sollen  die  Schüler  in
die  perspektivische  Darstellung  eingeführt  werden  und  zwar  an  der  Hand  von
Gebrauchs-  und  Kunstformen,  Teilen  des  Zeichensaales  und  des  Schulgebäudes.
In  den  folgenden  Klassen  soll  der  Unterricht  zu  schwierigeren  Problemen,  zum
Zeichnen  und  Malen  von  lebenden  Pflanzen  und  im  Freien  fortschreiten.  Skizzieren
  und  Gedächtniszeichnen  wird  für  alle  Stufen  gefordert.  Die  künstlerische
Tendenz  und  das  Prinzip  des  engsten  Anschlusses  an  die  Natur  des  Kindes
spricht  sich  vor  allem  deutlich  in  dem  Verlangen  aus,  daß  auch  dem  natür-!)

  Lexis,  Die  Reform  des  höheren  Schulwesens  in  Preußen.  XVII.

°,  Der  Zeichenunterricht  an  den  höheren  Schulen  Preußens  beginnt  in  Quinta,  ist  in
den  Realschulen  und  Realgymnasien  in  allen  folgenden,  in  den  Gymnasien  aber  nur  bis  O  IH
inklusive  obligatorisch.  Wenn  die  beiden  wichtigen  Forderungen:  Beginn  des  Unterrichts
in  der  untersten  Klasse  und  Verbindlichkeit  durch  alle  Klassen  auch  des  Gymnasiums,  nicht
erfüllt  wurden,  so  ist  der  Grund  dafür  wohl  kaum  in  einer  Nichtanerkennung  der  Notwendigkeit
  an  leitender  Stelle,  sondern  vielmehr  in  anderen,  unüberwindlichen  Hindernissen  zu  suchen.