590  Kvarmann:  Der  Unterricht  im  freien  Zeichnen.

Das  ist  gut  und  zwar  deshalb,  weil  sie  die  Gefahr  der  Schematisierung,  einer
mechanischen  Nachahmung  und  einer  Unterbrechung  der  Entwickelung  der
neuen  Ideen  heraufbeschwören  würden;  denn  es  steht  unbedingt  fest,  daß,  so  viel
auch  die  Reform  bereits  geleistet  hat,  sie  nicht  als  vollendet  und  ausgereift
gelten  kann.  Die  Vertreter  der  Reform  erblicken  die  allergrößte  Gefahr  für
die  Entwickelung  des  Unterrichts  in  jedem  Bemühen,  welches  darauf  gerichtet
ist,  die  heute  noch  vollständig  Aüssigen  und  nicht  zur  letzten  Höhe  entwickelten
  Ideen  in  die  starre  Form  eines  “Lehrbuches’  oder  ‘Leitfadens’  im
herkömmlichen  Sinne  einzufangen.')

Was  von  der  zukünftigen  Entwickelung  des  Zeichenunterrichts  erwartet
und  gefordert  werden  muß,  kann  hier  nur  in  den  allerwichtigsten  Punkten  kurz
gestreift  werden.  Seinen  Unterrichtsstoff  bilden  heute  noch  fast  ausschließlich  Gebrauchsgegenstände,
  Pflanzen  und  ausgestopfte  Tiere.  Er  wird  einen  noch  engeren
Anschluß  an  die  Natur,  die  Interessenkreise  des  Kindes  und  seine  psychologische
Entwickelung  suchen  müssen.  Dabei  wird  er  die  bislang  noch  nicht  ernst  genug
genommenen  Tatsachen  nicht  gering  achten  dürfen,  daß  das  natürliche  Zeichnen
des  Kindes  damit  beginnt,  den  Menschen  zu  bilden,  daß  auf  allen  Stufen  seiner
Entwickelung  mehr  als  75%,  der  freiwilligen  Zeichnungen  den  Menschen  darstellen,
  und  daß  der  Mensch  das  A  und  OÖ  aller  Kunst  ist.  Er  wird  der  daraus
unbedingt  hervorgehenden  Folgerung  sich  nicht  entziehen  können,  daß  in  einem
Zeichenunterricht  mit  kunsterziehlichen  Zielen  dem  Menschen  die  gleiche  Stellung
gebührt;  er  wird  somit  den  Menschen  zu  einem  Hauptstudienobjekt  machen
und  ihn  vor  und  über  Gebrauchsgegenstände,  Tiere  und  Pflanzen  stellen  müssen.
Am  eigenen  Körper  könnte  und  sollte  der  Schüler  die  ersten,  grundlegenden
Studien  des  Organischen  im  Zeichenunterrichte  machen.°)  Dann  erst  wird

ı)  Es  ist  notwendig  zu  bemerken,  daß  nach  Abschluß  dieser  Abhandlung  eine  bedauerliche
  Änderung  eingetreten  ist,  daß  insbesondere  ‘Lehrmittelhandlungen’  anfangen,  Lehrbücher
  des  Zeichnens  (auch  für  höhere  Schulen)  anfertigen  zu  lassen  und  kostenlos
den  Lehrern  und  Schulen  zu  überreichen,  zum  Zwecke  der  Propaganda  für  ihre
Fabrikate.  (So  verbreitet  z.  B.  eine  einzige  dieser  Firmen  allein  5000  Freiexemplare
einer  für  ihre  Geschäftszwecke  angefertigten  Methodik.)  Der  Verfasser  dieser  Abhandlung
sieht  darin  eine  schwer  bedenkliche  Erscheinung,  die  die  wahren  Interessen  des  Unterrichts
unbedingt  gefährdet.  —  Bemerkenswert  ist  daneben  ein  Erlaß  der  preußischen  Unterrichtsbehörde
  vom  26.  Juni  19056,  der  —  wohl  in  Veranlassung  solcher  Erscheinungen  —  die
Einführung  solcher  methodischer  Schriften,  “deren  Hauptzweck  darin  besteht,  die  Erfüllung
der  Anforderungen,  die  der  neue  Lehrplan  des  Zeichnens  stellt,  möglichst  leicht  zu  machen’,
für  die  Seminare  und  Volksschulen  zu  verhüten  sucht.  Hoffentlich  wird  dadurch  die  drohende
  Gefahr  der  Schematisierung  und  Verflachung  der  Reform  auch  von  unseren  höheren
Schulen  abgewandt.

x,  Die  ersten  Versuche  in  dieser  Richtung  liegen  vor  in:  1.  ‘Die  eigene  Hand  des
Schülers  als  Studienobjekt  f.  d.  Zeichenunterricht.’  (Mh$,  1905.  4.)  2.  ‘Der  eigene  Körper  des
Schülers  als  Grundlage  und  Ausgangspunkt  des  Studiums  der  lebendigen  Natur  im  Zeichenunterricht.”
  (Müller-Fröbelhaus,  Dresden  1905.)  8.  ‘Der  Mensch  als  Gegenstand  des  Zeichenunterrichtse.’”
  (Ebenda.)  4.  ‘Die  menschliche  Figur  im  Zeichenunterricht.”  (Pädag.  Reform.
Vierteljahrsschr.  Hamburg.  I.  1.)—  1—3  von  Kuhlmann;  4  von  Breest.  Erst  die  Zukunft
wird  zeigen  können,  ob  die  hier  gebotenen  Ansätze  entwickelungs-  und  lebensfähig  für  die
Schule  sind.